Klimapolitik und Wissenschaft

21. März 2021 : Tag der Wälder

Ein Situationsbericht aus dem Sauerland – vom 8. Längengrad

Wald im Klimastress

8 Grad Ost – der Längengrad verläuft auch durch das Sauerland mit dem Möhnesee, einer Talsperre, an der zahlreiche Touristinnen und Touristen im Sommer Wasser und Wald genießen. Nach drei Jahren geprägt von Sturm, Dürre und Borkenkäfern sehen die Wälder nicht mehr so aus, wie Wanderer sich das wünschen. Die Wälder am Möhnesee sind ein Ort, an dem wir hautnah erleben, dass die Klimakrise mit voller Wucht bei uns vor der Haustür angekommen ist. Es geht nicht um viele tausend Kilometer entfernt schmelzende Eisschollen, die den Eisbären das Leben schwermachen. Es geht darum, dass hier bei uns der Wald als eine wesentliche Grundlage unseres Lebens in Gefahr ist.

Tag der Wälder

Die Vereinten Nationen haben den 21. März zum internationalen Tag der Wälder erklärt. In diesem Jahr haben sie ihn unter das Thema „Wiederbewaldung und Wohlergehen“ gestellt („Forest Restoration – A path to recovery and well-being“). Wiederbewaldung ist dringend nötig und gleichzeitig in den nächsten Jahrzehnten die größte Herausforderung für die Forstleute und Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer.

Borkenkäfer und Dürre

Statt durch kühle Wälder zu wandern, erleben die Menschen auf riesigen Kahlflächen ungewohnte Fernsicht. Und das, obwohl in Nordrhein- Westfalen Kahlschläge von mehr als zwei Hektar verboten sind. Den Borkenkäfer hat die Gesetzeslage nicht aufgehalten. Dürre Baumgerippe und ausgeräumte Mondlandschaften sind eine direkte Folge der Klimakrise. Borkenkäfer sind in Fichtenwäldern völlig normal und schon immer da gewesen. Sie sind ein natürlicher Teil des Ökosystems Wald und besiedeln kränkelnde, absterbende oder umgebrochene Bäume. In normalen Jahren können sich gesunde Fichten gegen die Borkenkäfer wehren. Wenn der Käfer sich in die Rinde bohrt, sondert die Fichte Harz ab und tötet so den Käfer. Nur wenige Exemplare schaffen es dann, sich durch die Rinde zu bohren und sich dort zu vermehren. In den Dürresommern waren die Fichten so geschwächt, dass sie kein Harz produzieren konnten. Die Borkenkäfer konnten sich ungehindert einbohren und sich schnell vermehren. Ein Weibchen produziert über mehrere Generationen bis zu 200.000 Nachfahren pro Jahr. Das führt zu einer explosionsartigen Ausbreitung.

Trockenheit am Möhnesee Foto: Befeld – Wald und Holz NRW

Fichte ist Geschichte

Jetzt kann man es sich leichtmachen und auf diejenigen schimpfen, die die Fichten in Reinkultur gepflanzt haben. Viele der reinen Fichten- und Kieferwälder, die uns vor dem Hintergrund der Klimakrise heute große Sorgen bereiten, wurden direkt nach dem zweiten Weltkrieg gepflanzt. Über Artenschwund und Klimawandel war damals nichts bekannt. Die vom Krieg zerstörten und durch Reparationshiebe in Kahlschlägen geplünderten Wälder sollten schnell wieder aufgeforstet werden, auch um den empfindlichen Waldboden zu schützen und den Wald als solchen zu erhalten. Fichten- und Kiefernsamen waren damals die einzigen, die als Saatgut in großen Mengen zur Verfügung standen und aus denen Pflanzen für die Wiederaufforstung gezogen werden konnten. Außerdem bestand im zerstörten Nachkriegsdeutschland ein extrem hoher Bedarf an Bauholz. Entsprechend war zu dieser Zeit die Produktion von Holz die primäre Anforderung, die die Gesellschaft an den Wald stellte. Forstleute und Waldbesitzende hatten die Aufgabe, diese Anforderung nach bestem Wissen zu erfüllen.

Die waldbaulichen Entscheidungen unserer Vorgängergenerationen als Profitgier und Fehler zu brandmarken, ist leicht und billig, wird aber der historischen Situation im Nachkriegsdeutschland nicht gerecht. Unter schwierigsten Bedingungen mussten damals Entscheidungen für den Wiederaufbau völlig zerstörter Wälder getroffen werden.

Wald der Zukunft

Natürlich sind wir heute siebzig Jahre schlauer in der Ökologie, dem Artenschutz und dem Klimawandel. Monokulturen sind heute keine Option mehr. Mischwald steht als Ziel bundesweit in allen Waldbauprogrammen. Mindestens vier Baumarten sollen es in Nordrhein-Westfalen sein, wobei heimische Baumarten den Kern bilden. Bei der Wiederbewaldung sollen zunächst Potenziale der natürlichen Verjüngung genutzt werden, die dann um gezielte Pflanzungen ergänzt werden soll. Die Planzungen sind erforderlich, weil auf ehemaligen Fichtenmonokulturen wieder Fichte als Naturverjüngung nachwächst. Damit heimische Laubbäume eine Chance haben den Mischwald der Zukunft zu bilden, müssen Forstleute mit gezielten Pflanzungen nachhelfen.

Wie der Wald der Zukunft aussieht, kann heute niemand seriös voraussagen. Klimaexpertinnen und -experten geben Prognosen für die nächsten 20 Jahre ab und beschreiben wahrscheinliche Entwicklungen für die nächsten 80 Jahre. Um ganz sicher den Wald der Zukunft vorhersagen zu können, müssten wir mindestens die Klimaentwicklung der nächsten hundert Jahre kennen. Aber soweit kann niemand in die Zukunft schauen.

Zurzeit gehen die meisten Expertinnen und Experten davon aus, dass es wärmer und vor allem im Sommer trockener wird. Sollte allerdings der Golfstrom abreißen, könnte es auch deutlich kälter werden. Als Reaktion auf die unsichere Zukunft fördern die Forstleute die Baumartenvielfalt im Wald. So wollen sie sicherstellen, dass auch in hundert Jahren Baumarten im Wald wachsen, die mit dem dann herrschenden Klima zurechtkommen. Bleibt es bei 1 bis 1,5 Grad Erderwärmung, stehen die Chancen für die Buche als prägende Baumart gut. Führt uns die Klimakrise aber zu einem Temperaturanstieg von 4 Grad, können die Baumarten, die wir heute für einen natürlichen Wald als wichtig und prägend bezeichnen, nicht mehr existieren. Darum pflanzen unsere Forstleute heute schon Douglasien, Roteichen und Esskastanien zwischen die heimischen Waldbäume. Das sind Arten aus anderen geografischen Regionen, von denen wir wissen, dass sie mit Dürre und Hitze besser zurechtkommen als Buche und Ahorn. Für Forstleute heißt das: genau hinschauen, wie sich der Wald entwickelt und  engagiert Impulse setzen – das heißt klimastabile Bäume inselartig pflanzen und dazwischen Raum und Zeit für Samen von Altbäumen lassen. Wir brauchen das grüne Drittel Deutschlands, denn es sorgt für saubere Luft, sauberes Wasser, den nachwachsenden klimaneutralen Rohstoff Holz und einen Lebensraum, in dem der Artenschwund nicht so rasant zunimmt wie in der offenen Agrarlandschaft. Dass die Klimakrise hier in Deutschland Wälder vernichtet und in Steppen verwandelt, ist keine Fiktion, sondern eine reale Gefahr. Es geht jetzt für den Wald ums Ganze.

Wald der Zukunft:  Versuchsflächen nach Schaeden vom Sturm Kyrill - Aufforstung mit Esskastanien     foto: ralf meier
Wald der Zukunft: Versuchsflächen nach Schäden durch Sturm Kyrill – Aufforstung mit Esskastanien Foto: Ralf Meier

Mammutbaum oder Eiche

Für die Wanderinnen Wanderer am Möhnesee bedeutet das vor allem Veränderung. Statt Rast im kühlen Tann gibt es in den nächsten Jahren viele Panoramablicke. Und der Wald, der dort in den nächsten Jahrzehnten heranwächst, wird – zumindest für das Sauerland – ungewöhnliche Erlebnisse bieten. Vielleicht werden unsere Urenkel am Möhnesee Esskastanien sammeln während der Rucksack (falls es so etwas dann noch gibt) am Mammutbaumbaum lehnt. Dann ist es zumindest gelungen, die Steppe zu verhindern. Wünschenswerter wäre es, wenn unsere Urenkel die nussig schmeckenden Bucheckern probieren, während der Rucksack an einer stattlichen Eiche lehnt. Das würde bedeuten, dass wir es geschafft haben, die Klimakrise in den Griff zu bekommen. Wir werden es nicht erleben, wie der Mischwald der Zukunft sein mächtiges Kronendach über den jetzt noch offenen Kahlflächen der ehemaligen Fichtenmonokulturen schließt. Aber wir müssen jetzt die richtigen Weichen stellen, damit unsere Urenkel überhaupt noch Wald bei 8 Grad Ost am Möhnesee erleben können.

Michael Blaschke

Der Autor, Michael Blaschke, ist Pressesprecher der nordrhein-westfälischen Forstbehörde, Wald und Holz NRW, Münster.

Michael Blaschke Foto U.Giesen

Der Landesbetrieb Wald und Holz Nordrhein-Westfalen gliedert sich in 15 Regionalforstämter, das Nationalparkforstamt Eifel sowie das Zentrum für Wald und Holzwirtschaft. Eine landesweit flächendeckende Präsenz gewährleisten die Försterinnen und Förster in den Forstbetriebsbezirken (Revieren).

21. März 2021 : Tag der Wälder
Bewerte diesen Beitrag

0 Kommentare

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Wir freuen uns über Ihren Beitrag!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>