Klimahaus auf Reise

Auf Stippvisite in Isenthal

Blick in das Isental

August 2020: Unfassbar grün strahlt mir das Isenthal entgegen, als ich aus dem Wald trete und sich der atemberaubende Blick auf die saftigen Wiesen auftut, in deren Mitte der Ort Isenthal auf 780 Metern zwischen hohen Bergen liegt. Vor drei Stunden bin ich in Flüelen am Urner See nach 13stündiger Bahnfahrt aus dem Zug gestiegen. Allein der Blick vom Bahnhof durch das Alpenpanorama reicht schon, um den Alltag weit hinter sich zu lassen. Erst nach ein paar tiefen Atemzügen und einem ausgiebigen Sattgucken kann der Fußmarsch nach Isenthal beginnen. Der Weg, der sich zunächst durch Wiesen und Auen um das Südende des Sees schlingt, gibt immer neue Blicke auf das Smaragd-grüne Wasser frei. Unverkennbar speisen Gletscher den Urner See, der ein Ausläufer des Vierwaldstätter Sees ist. So kann man von Flüelen aus mehrmals täglich auch per Schiff bis nach Luzern fahren.

Nach 90 Minuten strammen Marsches beginnt dann jäh der steile Aufstieg nach Isenthal, das erst seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts überhaupt per Auto zu erreichen ist. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war der Ort nur über die steilen Stiege zu erreichen, die ich nun mit meinem mächtigen Rucksack erklimme. „Nordsee-Südsee“-Bücher und SEUTE DEERN Bier aus Bremerhaven als Gastgeschenke – so kommen ordentlich Kilos zusammen. Doch der Blick auf das saftige Hochtal entschädigt für die schweißtreibende Plackerei. Fast hatte ich vergessen, wie sattgrün Wiesen sein können. Nach dem dritten Dürresommer in Norddeutschland hat sich das vertrocknete Braun schon fest ins Hirn eingebrannt.

Die letzte halbe Stunde bis zum Hotel Uri Rotstock ist beschwingt von strahlendem Sonnenschein, atemberaubender Kulisse und der Aussicht auf ein kühles Bier. Über allem liegt ein betörender Duft des Heus, das überall auf den Hängen überwiegend von Hand zusammengehakt wird. Kein muffiger Grasgeruch, sondern ein Feuerwerk unterschiedlicher Kräuter. Kein Wunder, dass die Milch und damit auch der Bergkäse so aromatisch sind und dass hier oben die Zutaten für die berühmten Kräuterbonbons geerntet werden. Wer hat’s erfunden? Die Schweizer! Auch der halbe Zentner auf meinem Rücken scheint jetzt auf magische Weise die Gesetze der Schwerkraft zu vergessen.

Fünf Jahre ist es her, dass ich zuletzt hier war, neun seitdem ich das letzte Mal im Uri Rotstock abgestiegen bin. Doch Ruedi, der Wirt, erkennt mich sofort wieder und begrüßt mich herzlich.

Mit dem kapitalen Cordon Blue, das er mir am Abend mit dem lang ersehnten Kaltgetränk auftischt, scheint er die lange Zeit der Abstinenz mit einem Schlag wieder wettmachen zu wollen. Als ob ich all die Zeit dazwischen nichts zu essen bekommen hätte. Die Kalorien vom Aufstieg sind also ruckzuck wieder drauf. Fastenkuren macht man besser woanders.

Treffen auf alte Bekannte

Noch am Abend treffe ich Josef Schuler, der uns vor einem Jahr im Klimahaus besucht hat und sich freut, dass ich mein Versprechen zum Gegenbesuch trotz der erschwerten Corona-Umstände einlöse. Josef war Lehrer an der Dorfschule in Isenthal, später Kulturbeauftragter des Kantons Uri und sitzt heute im Gemeinderat der 500 Seelen Gemeinde. Das Klimahaus Bremerhaven und Isenthal verbindet der Längengrad 8°34‘, der sich wie ein Band einmal durch das faszinierende Gebäude am Weserdeich und mitten durch das kleine Bergdorf in der Urschweiz zieht.  Im Klimahaus markiert ein in den Boden eingelassenes Metallband diese Linie und Josef ist es zu verdanken, dass der Längengrad seit einigen Jahren als farbenfrohe Linie auch auf dem Dorfplatz vor der Schule in Isenthal zu bewundern ist. Wir brüten über Bergtouren und Ideen einer engeren Vernetzung von Klimahaus und Isenthal und verabreden uns für die nächsten Tage.

Josef Schuler

Josef ist heute Morgen verabredet, um einen neuen Wanderweg auszukundschaften. Mich zieht es zur Familie Infanger auf die Bywaldalp. Er nimmt mich ein Stück im Auto mit das Großtal hinauf. Während wir reden, schießt es ihm in den Sinn. „Man, ich treffe mich jetzt gleich mit Robi Imholz. Den kennst Du auch!“ Klar, kenne ich ihn. 2004 war ich bei den Dreharbeiten dabei, als Robi versucht hat Axel Werner, dem Protagonisten der REISE im Klimahaus, das Jauchzen beizubringen. Seitdem ist Robi zentraler Bestandteil eines der witzigsten Exponate im Klimahaus. Als ich ihm erzähle, dass in den letzten 11 Jahren rund 5,5 Millionen Besucher im Klimahaus versucht haben, seinen „Juchzer“ nachzumachen, staunt er und gibt mit einem breiten Grinsen gleich sein gesamten Können zum Besten.

Robi Imholz, der Jauchzer-König

Ein anstrengender Aufstieg

Wir verabschieden uns und mein Aufstieg zur Bywaldalp beginnt. Ich gehe nicht den direkten Weg, sondern schleppe die Gastgeschenke einen an sich herrlichen Umweg zunächst zur Oberalp hinauf. Gegen Mittag kratzt das Thermometer an der 30 Grad Marke und das hier oben  1.500 Meter über Normalnull. Kaum vorstellbar, dass sich die Gletscher bei solchen Temperaturen noch lange halten können. Robi hat erzählt, dass er im vergangenen Jahr Trinkwasser mit der Seilbahn zu seinem Hof schaffen musste, nachdem eine lange Trockenheit die natürliche Versorgung zum Erliegen gebracht hatte. Ein Problem, das wir nach unseren ersten Dreharbeiten 2004 noch als fernes Zukunftsszenario in die Klimahaus-Ausstellung aufgenommen hatten.

Auch für mich heißt es bei dieser Hitze, mit dem Füllstand meiner Trinkflasche achtsam umzugehen und an jedem Bachlauf für Nachschub zu sorgen. Trotzdem laufe ich quasi auf dem letzten Tropfen am späten Nachmittag auf der Bywaldalp ein. Auch weil das pi warme Bier-Geschenk im Rucksack bis zuletzt eisern unangetastet bleibt. Bei meinem letzten Besuch vor fünf Jahren war kurz zuvor ein Felssturz oberhalb der Bywaldalp abgegangen und hatte das Seilbahnhaus der Infangers weitgehend zerstört. In diesem Jahr gab es unmittelbar neben der benachbarten Alp Wilderbutzen einen Murenabgang. Etliche tausend Kubikmeter Gestein donnerten hier erst vor ein paar Wochen zu Tal. In der Stadt sind exponierte Lagen zumeist begehrt und teuer. Hier in den Bergen sind sie vor allem eins – gefährlich! Wertvolle Weideflächen liegen nun unter einer meterdicken Geröllschicht. Zum Glück kam sonst niemand zu Schaden.

Vorne: Murenabgang bei Wilderbutzen im Sommer 2020. Oben links sieht man noch am helleren Gestein, wo 2015 der Felssturz auf die Bywaldalp abging.

Ein Wiedersehen in der Idylle

Auch die Seilbahn der Infangers war damals schnell wieder hergestellt. Mir strahlt ein nahezu identischer Neubau entgegen. Sonst kommt mir alles auf der Bywaldalp vertraut vor. Selbst die ältere Frau, die vor der Gaststube auf einer Bank sitzt. „Kennen wir uns nicht?“, frage ich und werde im Hinterstübchen unfreiwillig an die eine oder andere fehlgeschlagene Anmache aus Jugendtagen erinnert. „Ich bin vom Klimahaus in Bremerhaven“. Kopfschütteln. „Aber hast Du nicht mal bei einem Film über’s Jauchzen mitgemacht?“ fasse ich nach und versuche die retroromanische Sprachmelodie einigermaßen zu imitieren. Jetzt hellen sich die Gesichtszüge auf. Erst bei ihr, dann auch bei mir. Annemarie! Auch sie ist Mitwirkende unseres Jauchzer-Exponats im Klimahaus.

Hedy Infanger ist die gute Seele der Bywaldalp.

Wenig später tritt dann Hedy Infanger aus der Tür. Darf man sich in Corona Zeiten in den Arm nehmen, wenn man sich so lange nicht gesehen hat? Man darf! Nicht nur ich freue mich ganz offensichtlich über das Wiedersehen. Hedy ist die Protagonistin der Reisestation Schweiz im Klimahaus und geht inzwischen etwas gebeugt. Auch das Bein scheint nicht mehr richtig zu wollen. Wie ich später erfahre hat sie vor 3 Jahren ein neues Kniegelenk bekommen. Sonst ist die Mitsiebzigerin noch ganz die alte. Herzlich im Wesen, glasklar in allem was sie tut, mit sich und der Welt im Reinen. Während ihr Sohn Werner mit seiner Frau Margrit den Hof managt, führt Hedy in der Küche Regie, wo immer noch auf Holz gekocht wird.

Am Abend sitzt die Familie am Küchentisch. Ich darf mit auf die Eckbank rutschen. Genau hier haben wir vor 16 Jahren das Interview mit Hedy und ihrem 2008 verstorbenen Mann Werner gefilmt, das man heute noch beim Aufstieg zum Gipfelkreuz im Klimahaus Bremerhaven sehen kann. Damals saß der 2jährige Enkel Luca geduldig bei seiner Oma auf dem Schoß. Jetzt sitzt er mit seinen 18 Lenzen als kräftiger Schreinerlehrling neben mir. Es ist kaum möglich der mundartlichen Unterhaltung zu folgen. Trotzdem ist es urgemütlich und der köstliche hauseigene Käse, der zu wirklich jeder Mahlzeit auf dem Tisch steht, trägt seinen Teil zur wohligen Bettschwere bei.

Ich habe im Massenlager über dem Kuhstall Quartier bezogen, das ich heute Nacht für mich alleine habe. Vom scheppernden und dröhnenden Bimmeln der Kuhglocken unter mir trennt mich nur eine Holzbohlendecke oder genauer gesagt eben gerade nicht. Trotzdem falle ich im blau-weißen Karo einer ebenso dicken wie absurd kurzen Federbettdecke schon bald in einen seligen Schlaf. Bis um halb fünf das Melkaggregat der nächtlichen Idylle ein jähes Ende bereitet. Die Arbeitstage der Älpler sind lang und hart. Und so quält mich ein schlechtes Gewissen als ich mich tief im Kissen vergrabe und der Klangwelt von Kuh und Maschine trotzend und auf wundersame Weise wieder in den Schlaf zurückfinde.

Als ich etwas später mit gepacktem Rucksack an die Luft trete, hängen die Wolken tief. Vergessen die Hitze und der stahlblaue Himmel vom Vortag. Dabei wollen Josef Schuler und ich doch heute den 2928 Meter hohen Urirotstock besteigen. Mich interessiert vor allem wie sich der Gletscher unterhalb des Gipfels, der Blümlisalpfirn, seit meinem letzten Aufstieg 2011 entwickelt hat. Ist das langsame Sterben der eisigen Riesen mit bloßem Auge zu erkennen?

In der Wohnküche der Infangers herrscht reges Treiben. Im Herd knackt und knistert schon wieder das Fichtenholz. Es duftet nach harzigem Rauch, frischen Kaffee und Käse, der wie immer auf dem Tisch steht. Hedy kümmert sich sofort rührend um mich, bringt Brot, Marmelade und selbstgemachten Joghurt.

Gegen 8.30 Uhr tritt Josef durch die Tür, der sich schon früh auf direktem Weg auf zur Bywaldalp gemacht hat. Wir machen uns auf den Weg. Inzwischen hat es angefangen zu regnen. Doch was uns eine knappe Stunde später zur Umkehr bewegt ist weniger die Nässe, die einen sicheren Tritt auf dem Felsen erschwert als vielmehr die dichten Wolken oder anders gesagt die Aussicht auf keine Aussicht. Also zurück in Infangers Stube. Am Eingang liegen für jeden Wanderer einsehbar die Klimahaus-Broschüren der letzten Jahre streng nach Schweizer Art ordentlich chronologisch geordnet aus. Wir nutzen bei Kirschkuchen und anderen Leckereien die unfreiwillig gewonnene Zeit und brainstormen weitere Ideen der Zusammenarbeit zwischen Isenthal und Bremerhaven. Dann heißt es wiedermal Hedy und ihrer Familie „Ade“ zu sagen. Während Josef den kurzen Weg zum Chimiboden absteigt, wo sein E-Bike steht, nehme ich den Weg über Sassigrat und Musenalp zurück ins Dorf. Dieses Mal nehme ich mir fest vor nicht erst nach fünf Jahren wieder zu kommen. Es wird höchste Zeit die Veränderungen der Gletscher und die im Leben der Infangers mit einem Filmteam zu dokumentieren. Bergwelten im Klimawandel.

2 Kommentare
  1. Josef Schuler sagt:

    Ein wunderbarer Blog, https://blogachtgradost.de/auf-stippvisite-in-isenthal/,
    fast ein Reisebericht wie von Goethe, der sich bei seinen Reisen über den Gotthard an der rauen Naturlandschaft des Alpenkantons Uri so sehr erfreute!! Der Blog gefällt mir. Die Behörden und der Gemeinderat Isenthal freuen sich , wenn es gelingt, dass das Bremerhaven-Filmteam im Sommer 2021 wieder kommen kann.
    Dem Klimahaus wünschen wir Glück, dass es coronabedingt nicht in die Knie gezwungen wird.
    Das Klima bleibt ein Schlüsselthema der nächsten Jahre.
    Josef Schuler, Gemeinderat in Isenthal

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