Back to the roots

Auch wenn ich mir bei 30 °C und 85 % Luftfeuchtigkeit angenehmere Kleidung vorstellen kann, tragen wir heute die landestypische Ausstattung für offizielle Anlässe: Lange Lava Lavas (Wickelröcke aus festem, schwerem Stoff), Hemden und Flip-Flops. Die Taupulega erwartet uns, die Versammlung, die Geschehnisse im Dorf lenkt. Wir werden hier zur offiziellen Begrüßung erwartet.

Tourismus gibt es in Tokelau nicht. Wer hierherkommt, hat eine Mission. Unsere ist es, mit unserer Arbeit die Bemühungen der Tokelauer zum Schutz ihrer Atolle und Inseln zu unterstützen, indem wir ihre Botschaft mit nach Hause bringen und im Klimahaus verdeutlichen was es heißt, bei steigendem Meeresspiegel auf einem so abgelegenen, niedrigen Atoll inmitten des weiten Südpazifik zu leben. Die Auswirkungen des Klimawandels sind hier überall zu spüren. Von Küstenerosion, der Zerstörung von Seemauern, Versalzung des Wassers und der landwirtschaftlichen Fläche bis zu Korallensterben, Algenplagen und der Zunahme von Extremwetterereignissen. Trotzdem kämpfen die Menschen, statt sich einfach als Opfer zu fühlen. Und obwohl Tokelau kaum zum weltweiten Ausstoß von CO2 beiträgt, hat es nach zähem Ringen durchgesetzt, dass auf jedem Atoll eine Solaranlage installiert wird. Junkfood, Süßigkeiten und Softdrinks sind verbannt worden, um sich wieder ganz auf das zu konzentrieren, was Land und Meer zu bieten haben.

Das Haus der Toloas.

Auf Fakaofo leben gerade einmal 500 Menschen. Auch Toloas Wurzeln liegen hier. An keinem Haus können wir vorbeigehen, ohne dass Jewel ein Baby auf den Arm nimmt, kurz den Grund unserer Reise erklärt oder Essen für die Weiterreise zugesteckt bekommt. Kokosnüsse, getrockneter Fisch, getrocknete Brotfrucht, frisches Brot. An Brotfruchtbäumen, Kokospalmen, dicht gedrängten Häusern und kleinen Gärten vorbei folgen wir Jewel zu ihrem ehemaligen Elternhaus. Auf einer Mauer aus massiven Korallenblöcken steht das Fale wie ein Mahnmal. „Bei Flut stand das Wasser am Ende im Haus.“, erinnert sich Jewel. Für uns ein sehr emotionaler Moment, die junge Frau hier stehen zu sehen, während ihr nachdenklicher Blick in die Ferne schweift. Das neue Familienhaus mit Postkarten-Panoramablick liegt deutlich erhöht, durch eine massive Betonmauer dem ansteigenden Meer noch eine Weile entzogen.

Küstenschutz bedeutet massive Investitionen, die Tokelau sich nicht leisten kann. Alltägliche infrastrukturelle Projekte wie Schulen und Krankenhäuser stehen auf der Liste noch weiter oben. Ich denke an Langeneß und seineLahnungen und Halligkanten. Vielleicht hat auch Tokelau bei unserem nächsten Besuch eine neue Schutzmauer, die den Menschen ermöglicht, weiter in ihrer Heimat zu leben. Und womöglich schafft der Rest der Weltbevölkerung es zwischenzeitlich, etwas von Tokelau zu lernen. 95 % ihrer Energie beziehen Tokelauer aus der Kraft der Sonne – und der Weg dorthin war steinig und steil. „Wir ertrinken nicht, wir kämpfen!“. Stimmt. Aber es gibt noch eine zweite Nachricht, die Tokelau in die Welt sendet. „Niemand wird zurückgelassen!“. Was das genau bedeutet erklärt uns Jewel an einem simplen Gebäude aus Betonpfeilern, dem Fischmarkt. „Wenn die Männer mit ihrem Fang an Land kommen, wird alles hier ausgeladen. Nicht um es zu verkaufen, sondern um den Fang gleichmäßig unter allen Bewohnern zu verteilen. Kranke oder behinderte Menschen werden jeden Tag ebenso selbstverständlich mitversorgt wie alte.

Aufbruch aus Fakaofo.

Viel Zeit bleibt uns bei unserem ersten Stopp auf Fakaofo nicht. Das Schiff ist fertig zur Weiterreise zu den nächsten Atollen, Nukunonu und Atafu. Trotzdem lässt Jewel es sich nicht nehmen, uns am Hafen noch einen Eindruck des steigenden Meeresspiegels zu geben. „Hier haben früher alle Familien ihre Schweine gehalten.“. Aber das Meer überflutete immer öfter das Gebiet, bis die Schweine schließlich umquartiert wurden. Eine ganze Insel ist jetzt für sie bereitgestellt. Es stimmt: Tokelau geht nicht einfach unter, es kämpft!


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