Klimapolitik und Wissenschaft

Bewegliche Ziele: mehr Klimaschutz wird angepeilt

„Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“

Eine beliebte Frage im Bewerbungsgespräch – ihre Klima-Variante beschäftigt nächste Woche das Bundeskabinett auf „Wunsch“ des deutschen Verfassungsgerichts. Auch US-Präsident Biden und das EU-Parlament haben sich kürzlich damit befasst: „Wo sehen Sie Ihr Land / Ihren Kontinent / Ihren Planeten im Jahr 2030 und danach bis zur Mitte des Jahrhunderts?“ Und genau wie in einem Vorstellungsgespräch bemühen sich alle Befragten, wohlklingende Antworten zu formulieren, die ihre Zielstrebigkeit und Entschlossenheit sowie Teamfähigkeit und Sozialkompetenz demonstrieren – mit dem Unterschied, dass von der Einhaltung dieser Ziele keine persönliche Karriere, sondern die Zukunft des globalen Klimas abhängt.

Klimaziele – Klimazukunft

Das Konzept der Klimaziele resultiert aus der Erkenntnis, dass wir uns keinen ungebremsten Klimawandel leisten können und die Produktion von Treibhausgasen begrenzen müssen. Klimaziele beziehen sich entweder auf ein bestimmtes Temperaturniveau, auf dem die globale Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts stabilisiert werden soll, oder auf die jährliche Gesamtmenge an Treibhausgasemissionen. Emissionsziele werden oft in „Tonnen CO2-Äquivalente“ angegeben, eine nicht sehr intuitive, aber praktische Einheit, die neben Kohlendioxid auch andere klimawirksame Spurengase wie Methan miteinschließt. Klimaziele können den Klimawandel nicht verhindern und ihn auf absehbare Zeit auch nicht rückgängig machen – stattdessen sollen seine Folgen so weit eingegrenzt werden, dass sie wenigstens halbwegs abschätzbar bleiben. Basierend auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft wurde eine obere Schmerzgrenze für ein „menschenfreundliches“ Klima definiert.

2 Grad Erwärmung. Oder doch nur 1,5?

DAS übergeordnete Klimaziel, an dem sich alle anderen Ziele orientieren (sollen), ist das Pariser Klima-Abkommen. Demnach wird alles dafür getan, dass „der Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur deutlich unter 2 °C über dem vorindustriellen Niveau gehalten wird“. Außerdem sollen „Anstrengungen unternommen werden, um den Temperaturanstieg auf 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.“ Das Abkommen enthält also eigentlich zwei Ziele: 2 Grad und 1,5 Grad – die Ober-Grenze und das Wunsch-Ziel.

1,5 Grad oder 2 Grad – ein entscheidender Unterschied nicht nur für Samoas bunte Unterwasserwelt (Bild: Pixabay)

Was für einen erheblichen Unterschied ein halbes Grad ausmachen würde, zeigt sich besonders eindrücklich am Beispiel der Warmwasserkorallen: In einer 1,5 Grad wärmeren Welt werden 70 Prozent aller Korallenriffe dem Risiko von regelmäßigen (und letztendlich tödlichen) Korallenbleichen ausgesetzt sein. Ein ernstes Problem für die Artenvielfalt und globale Fischbestände – doch bei 2 Grad Erwärmung wären sogar 99 Prozent der Riffe gefährdet! Ähnlich drastische Unterschiede zwischen 1,5 und 2 Grad Erwärmung prognostiziert der Weltklimarat in Bezug auf Extremwetter, die Sturmflutgefahr, die Gletscherschmelze und so weiter und so fort. Insofern lohnt es sich, das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten, „da erkannt wurde, dass dies die Risiken und Auswirkungen der Klimaänderungen erheblich verringern würde“.

Von Grad zu Tonnen: Emissionsbudgets

Die Temperatur steigt erst dann nicht weiter an und pendelt sich allmählich auf einem stabilen Temperaturniveau ein, wenn keine zusätzlichen Treibhausgase mehr in die Luft geblasen werden, das heißt: netto-null menschengemachte Emissionen (der kleine Zusatz „netto“ setzt voraus, dass es auch natürliche und künstliche Wege gibt, einen kleinen Teil der jährlichen Treibhausgasemissionen wieder aus der Atmosphäre herauszuholen). Doch wie kommt man da hin? Ein Ende der Nutzung fossiler Brennstoffe, so viel ist klar, aber das geht ja nicht von heute auf morgen. Also ab wann? Paris gibt dafür weder einen konkreten Fahrplan noch Sanktionierungsmöglichkeiten bei Verstößen vor, stattdessen beruht das Abkommen auf dem Prinzip der Selbstverpflichtung: Alle beteiligten Staaten bestimmen selbst, in welchem Tempo sie ihre Emissionen reduzieren, um am Ende rechtzeitig (!) bei Netto-Null zu landen. Daraus ergibt sich die Frage: Wer darf ab jetzt noch wie viel ausstoßen?

Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Frage recht einfach zu beantworten, indem die Klimaforschungsgruppen ihre Super-Computer mit folgender Textaufgabe füttern:

Seit der Industrialisierung hat die Menschheit ungefähr 2 Billionen Tonnen CO2 ausgestoßen. In der Folge hat sich die Erde um etwas mehr als ein Grad erwärmt. Wenn du die Erde noch um ein weiteres halbes Grad aufheizen willst – wie viel CO2 musst du dafür emittieren?

Klingt nach einem simplen Dreisatz, aber ganz so einfach ist es es dann natürlich doch nicht. Bei der Reaktion des Klimasystems auf mehr Treibhausgase spielen auch viele nichtlineare Prozesse, die sich gegenseitig beschleunigen oder abbremsen, eine Rolle.

Die Klima-Uhr tickt

Zwischen „tolerierbarem“ und „katastrophalem“ Klimawandel gibt es keine klare Grenze – jedes Zehntelgrad Erwärmung zählt (Bild: Pixabay).

Doch trotz dieser Komplexität lässt sich das verbleibende globale Emissionsbudget beziffern – und es schrumpft immer weiter, wie die Carbon Clock des Berliner Mercator-Instituts eindrucksvoll zeigt. Falls sich die globalen Emissionen vollständig von der Pandemie erholen und auf einem durchschnittlichen Vor-Corona-Niveau stagnieren, ist das globale 1,5-Grad-Budget schon in weniger als sieben Jahren aufgebraucht (Stand heute, Mai 2021).

Bis hierher ist das alles reine Mathematik und Physik. Kompliziert – also politisch – wird es erst im nächsten Schritt: Wer kriegt wie viel vom Kuchen? Müssen alle gleich schnell reduzieren? Oder haben die sogenannten Entwicklungsländer ein Anrecht auf mehr Emissionen als die Industrienationen, die schon seit über 150 Jahren von billigen fossilen Brennstoffen profitieren? Wer zahlt die Schäden, die der Klimawandel gerade in den ärmeren Ländern, die bisher kaum etwas zur Erwärmung beigetragen haben, verursacht? Seit der Pariser Konferenz 2015 werden solche Knackpunkte heftig diskutiert und nachverhandelt, so auch auf der nächsten großen Klimakonferenz im November diesen Jahres in Glasgow.

Gleichzeitig arbeiten die Umweltminister*innen überall auf der Welt daran, das Abkommen in nationale Klimapolitik zu übersetzen – mal mehr, mal weniger erfolgreich.

Ziele in Bewegung

Das deutsche Klimaziel für 2020 lautete zum Beispiel: 40 Prozent weniger Emissionen im Vergleich zu 1990. Und diese Vorgabe wurde tatsächlich erfüllt (Corona sei Dank)! Auch die USA ist wieder zurück im Pariser-Abkommen-Boot und will laut ihrem neuen Präsidenten bis 2050 klimaneutral sein, genau wie die Europäische Union. China hat letztes Jahr ebenfalls sein eigenes Klimaziel verkündet: Klimaneutralität bis 2060.

Das heißt, wir sind schon voll auf Kurs? Jein: Rechnet man die selbstgesteckten Ziele in Temperaturen um, klingen sie schon nicht mehr ganz so ehrgeizig. Nimmt man alle Klimaneutralitäts-Gelübde der Welt und modelliert die resultierende Erwärmung, landet man am Ende bei einem Temperaturanstieg von etwa zwei Grad – und das auch nur dann, wenn die optimistischsten Versprechen tatsächlich auch alle umgesetzt werden.
Dabei ist es sowohl theoretisch als auch praktisch möglich, noch weitaus mehr für uns und unsere Klimazukunft herauszuholen: Es mangelt nicht an technischen Lösungen und in Bezug auf den politischen Willen machen die Ankündigungen und Beschlüsse der letzten Wochen mehr Hoffnung denn je. So hat sich die EU kürzlich zu mehr Ehrgeiz beim Klimaschutz bis 2030 verpflichtet, und laut Urteil des Bundesverfassungsgerichts muss jetzt auch der deutsche Klima-Fahrplan noch weiter nachgeschärft werden. In der Folge hat die aktuelle Bundesregierung das Netto-Null-Ziel für Deutschland bereits um fünf Jahre vorverlegt, auf 2045. All das sind Schritte in die richtige Richtung, um das 1,5-Grad-Ziel doch noch einzuhalten, oder zumindest nicht allzu weit oberhalb davon zu landen. Denn 1,6 Grad Erwärmung ist immernoch besser als 1,7 Grad…

Zum Schluss noch einmal zurück zur Ausgangs-Frage: „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“

Und hier die ultimative Antwort fürs nächste Personalgespräch mit der Abteilungsleitung: „Wenn ich in fünf Jahren zurückschaue, möchte ich eine Trendwende sehen: raus aus der Stagnation, rein in den Sinkflug. Je steiler es bergab geht, desto besser, um so schnell wie möglich bei Null anzukommen.“

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