Klimahaus auf Reise

Corona verändert die Welt

Mit der Reise auf dem Längengrad 8° Ost 34‘ versucht das Klimahaus seit jeher einen Blick in andere Länder und Klimazonen zu werfen. Dadurch rücken auch Orte und Regionen in den Fokus, von denen man vorher wahrscheinlich noch nie gehört hat und deren Abgeschiedenheit für die Menschen, die dort Leben Fluch und Segen zugleich ist – auch und gerade in Krisenzeiten. Was bedeutet die Corona Pandemie für Orte wie Samoa oder das Isenthal in der Schweiz? Wir haben nachgefragt.

Samoa – keine Ansteckung um jeden Preis

Samoa ist eines der wenigen Länder weltweit, in dem es keinen einzigen nachgewiesenen Covid-19-Fall gibt. Die Regierung hatte aus der Masernkatastrophe Ende letzten Jahres mit rund 5.000 Erkrankten und 60 Todesfällen, davon über 50 Kleinkinder, gelernt und schnell reagiert, als die ersten Nachrichten vom Virus aus Fiji, Neuseeland und Hawaii das Land erreichten. Mehr als 200 Passagiere der letzten noch ankommenden Flüge wurden in Quarantäne geschickt und alle weiteren Flüge gestrichen, auch nach Amerikanisch-Samoa nebenan. Nur noch ausgewählte Frachtschiffe dürfen Samoa zur Sicherung der Versorgung anlaufen, aber niemand darf von Bord gehen.

Werner Kappus (links) und Klimahaus Geschäftsführer Arne Dunker.

Uns berichtet Werner Kappus. Er ist in Bremen geboren, lebt seit vielen Jahren in Samoa und ist mit seiner Samoanerin verheiratet. Er berichtet, dass es seit Wochen und voraussichtlich noch für einige Monate keinen Postverkehr mit Samoa gibt. Auch Samoa verhängte einen Lockdown. Alle Schulen und Universitäten waren zu und lange gab es keine Gottesdienste. In Samoa, einem Land wo die Kirchen großen Einfluss haben und aus dem Leben der Menschen nicht wegzudenken sind. Aber die Gemeinden machten mit – die Pastoren besuchten die Familien ihrer Gemeinde zuhause und brachten Hostien und Wein für das Sakrament. Nun öffnet man wieder vorsichtig Gotteshäuser und Bildungseinrichtungen.

Alle Restaurants sind zu – nur noch Takeaway ist erlaubt. Busse verkehrten zuerst auch nicht mehr – jetzt dürfen sie wieder fahren, aber nur mit maximal 20 Fahrgästen, was viele Busbesitzer davon abhält zu fahren, weil es sich einfach nicht lohnt. Geschäfte haben beschränkte Öffnungszeiten und natürlich gibt es auch Abstandsregeln. Mehr als 5 Leute dürfen nicht zusammen sein und alle Leute über 60 sollen zu Hause bleiben. Masken sind empfohlen aber nicht Pflicht – es gäbe auch nicht ansatzweise genügend davon.

Regierung startet massives Hilfsprogramm

Erst letzte Woche gab es einen Evakuierungsflug, um im Land festsitzende Touristen aus Deutschland und anderen EU-Staaten rauszubringen. Für den Tourismus ist die Krise besonders hart. Es gibt viele Arbeitslose. In Samoa ist das ja glücklicherweise nicht ganz so schlimm, weil man ja auf dem Familienland wohnt und nicht zur Miete irgendwo. Und da hat man auch immer was zu essen. „Die Situation sei nicht einfach“, so Kappus, „aber es gibt keinen Hunger und keine Obdachlosigkeit deswegen.“ Die Regierung hat auch ein massives Hilfsprogramm gestartet, vor allem mit Unterstützung bei Krediten. Wie jeder Rentner hat auch Werner Kappus 300 Tala (100 Euro) als einmalige Sonderzahlung erhalten.

Einzige Ausnahme vom internationalen Reiseverbot ist der Staat Tokelau, der nur über Samoa per Schiff zu erreichen ist und wo es natürlich auch noch keinen Virusfall gibt, weil der ja nur aus Samoa reingebracht werden könnte. Zur Sicherheit wurde aber trotzdem hier noch der Notstand ausgerufen, nur für den Fall, dass es doch noch irgendwie dem Virus gelingen sollte reinzukommen.

Neben dem konsequenten Handeln der Regierung hat die Abgeschiedenheit von Inselstaaten wie Samoa oder Tokelau maßgeblich dazu beigetragen, Infektionswellen zu vermeiden. Diese würden auf ein kaum vorbereitetes Gesundheitssystem ohne intensivmedizinische Versorgung treffen. Die Insellage ist aber seit jeher Garant dafür, sich Herausforderungen und Krisen stellen zu können.

Die neue Bedrohung heißt Covid-19

Auch auf der Hallig Langeneß in der Nordsee, wo Sturmfluten und der steigende Meeresspiegel bisher als größte Bedrohungen galten. Nun kommt mit Covid-19 eine neue hinzu. Der Tourismus, die wichtigste Einnahmequelle der Langeneßer ist zum Erliegen gekommen. „Erst mussten vielen Übernachtungen wegen immer neuen „Land unter“ storniert werden, dann kam Corona“, erzählt Hannelore Nissen, die auf der Neuwarft Ferienwohnungen vermietet.

Nur noch dreimal pro Woche legt die Fähre an und bringt Post und immer donnerstags den LKW der Edeka auf die Hallig, der wie immer die 100 Einwohner versorgt, seit es auf Langeneß keinen Kaufmann mehr gibt.

Homeschooling? Nichts neues auf Langeneß

Die kleine Halligschule ist wie alle im Land geschlossen. Aber anders als auf dem Festland ist Unterricht per Internet für die 8 Schüler nichts Neues. 20-mal pro Jahr läuft bei Sturmflut die Hallig voll Wasser und der Schulweg ist abgeschnitten. Dann werden die Aufgaben selbständig am Computer erledigt. Hier ist Langeneß, wo manchmal die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, der Großstadtschule weit voraus. Klassenübergreifender Unterricht – Selbstgänger!

„Wir haben hier alles, was wir brauchen.“

Hannelore Nissen liebt ihre Hallig. Das Meer, die Wiesen, den Wind. „Manche fahren zum Einkaufen immer wieder auf das Festland. Wir haben hier alles, was wir brauchen.“ Sie hat die Neuwarft seit Wochen kaum verlassen. Nur einmal hat sie geholfen, den Türkranz für eine Diamantene Hochzeit aufzuhängen. „Das wollte ich mir dann doch nicht nehmen lassen.“ Die Langeneßer halten sich an die Abstandsregeln, auch wenn das Virus hier wie in Samoa noch nicht angekommen ist.

Hannelore Nissen hofft bald wieder Gäste auf der Neuwarft empfangen zu können. „Die Umarmung unserer Stammgäste muss aber erst einmal ausfallen.“

Isenthal – kein Covid-19-Fall, aber dennoch nicht verschont

780 Meter über dem steigenden Meeresspiegel liegt der Ort Isenthal in den Schweizer Alpen. Erst seit 1951 führt eine enge Straße hinauf in das Hochtal. Vorher war Isenthal nur zu Fuß und zum Teil über Leitern zu erreichen, die zum Wappenzeichen der 500-köpfigen Gemeinde wurden.

Seine Abgeschiedenheit hat Isenthal trotz Verkehrsanbindung kaum eingebüßt. Das Corona-Virus hat das versteckte Örtchen zumindest noch nicht entdeckt. Nachgewiesene Infektionen gibt es auch hier keine. Auch hier ist der Tourismus am stärksten betroffen. Den vier Gaststätten und allen sieben Seilbahnen bleiben die Einnahmen aus. Der Postbus fährt zwar inzwischen wieder nach Fahrplan, wenn auch zumeist ohne Passagiere.

„Nun, die Bergbevölkerung ist Krisen gewohnt“, berichtet Josef Schuler, unser Klimahaus-Kontakt, der auch im Isenthaler Gemeinderat sitzt und um die Steuereinnahmen bangt. Die Ferienwohnung, die er selbst vermietet ist verwaist. „Alles storniert!“

Isenthaler hoffen auf Sommer-Tourismus

Josef Schuler besuchte 2019 das Klimahaus und ließ es sich nicht nehmen, im Klimahaus zu „jauchzen“.

Nun hoffen die Isenthaler auf den Sommer-Tourismus vor allem mit Schweizer Gästen. Mountainbiker und Wanderer entdecken gerade während des Lockdowns die wunderbare Naturlandschaft in Isenthal neu. Josef Schuler hofft, dass das normale Leben bald wieder Einzug hält und schickt noch solidarische Grüße ans Klimahaus: „Wir hoffen, dass die Menschen nun klug und vorsichtig genug sind, dass die Öffnung nicht gefährdet wird. Die Eigenverantwortung zählt. Bei euch ist dies genauso.“

Corona verändert die ganze Welt

Die Standhaftigkeit der Menschen in den entlegenen und uns doch so nahen Orten auf „unserem“ Längengrad ist beeindruckend. Von der Schweiz bis in die Südsee gibt es erste Lockerungen der Beschränkungen, deutlich behutsamer als bei uns in Deutschland. Ob sich nach Corona eine neue Normalität einstellt, ob Werte wie Gemeinschaft und Gesundheit an Bedeutung gewinnen oder ob wir schon bald in den alten Trott verfallen, bleibt abzuwarten.

Werner Kappus wartet in Samoa geduldig darauf, dass die Post wieder arbeitet und ihm Postkarten aus dem Klimahaus bringt. Ab dem 19. Mai landen wieder erste Flugzeuge in dem Inselstaat und bringen Samoaner aus Neuseeland wieder zurück in ihre Heimat oder genau genommen erst einmal in Quarantäne.

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