Klimapolitik und Wissenschaft

Die Kurve kriegen

Auch in Corona-Zeiten macht der Klimawandel keine Pause: Laut einer Prognose US-amerikanischer Klimawissenschaftler steuert das laufende Jahr mit 75 Prozent Wahrscheinlichkeit darauf zu, im Hinblick auf die globale Durchschnittstemperatur das wärmste Jahr seit Beginn der Messungen zu werden. Ein Platz in den Top 5 steht sogar schon zu 99,9 Prozent fest. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass in diesem Jahr keine natürlichen Klimasystem-Anheizer (wie beispielsweise ein starkes El-Niño-Ereignis im Pazifik) zu erwarten sind. Die prognostizierten Temperaturrekorde lassen sich somit hauptsächlich auf den anthropogenen Treibhauseffekt zurückführen.

Zwar gehen aufgrund der Corona-Krise die weltweiten Treibhausgasemissionen zurück. Schätzungen der Internationalen Energieagentur zufolge wird der weltweite CO2-Ausstoß 2020 im Vergleich zum Vorjahr um etwa 8 Prozent sinken, das gab es bisher noch nie (mehr zu den Auswirkungen von Corona auf Klima & Umwelt finden Sie auch hier in unserem Blog).
Doch diese Corona-Nebenwirkung als Erfolg in der Klima-Krise zu feiern, wäre zynisch und davon abgesehen auch viel zu kurzsichtig: So brachte beispielsweise auch die weltweite Finanzkrise 2008 eine Reduktion der globalen Treibhausgasemissionen mit sich. Dieser temporäre Einbruch von immerhin 1,4 Prozent wurde jedoch in den folgenden Jahren mehr als ausgeglichen und ist heute im Rauschen der stetig ansteigenden CO2-Kurve kaum noch auszumachen.

Die Folgen der Finanzkrise waren allerdings „nur“ in der Wirtschaft spürbar. Dagegen reichen die Auswirkungen der Corona-Krise viel tiefer: Das ganze gesellschaftliche Leben und der Alltag jedes Einzelnen wurden in den vergangenen Monaten komplett umgekrempelt. Geht es nach dieser Erfahrung wirklich einfach so weiter wie bisher? Oder kann uns der ein oder andere Corona-Denkzettel langfristig bei der Bewältigung der Klima-Krise helfen?

Listen to the scientists!

Diese Kernforderung von „Fridays for Future“ wird in der Corona-Krise weitgehend umgesetzt. Wissenschaftliche Erkenntnisse dienen dabei nicht nur als Grundlage für politisches Handeln, sondern werden darüber hinaus von vielen Virologen allgemeinverständlich erklärt. Durch die gute Kommunikation gibt es plötzlich auch eine gewisse Akzeptanz für grundlegende wissenschaftliche Konzepte, wie zum Beispiel Unsicherheiten: Die Forschung kann nicht von heute auf morgen universale Antworten liefern, sondern nähert sich Schritt für Schritt der Lösung eines neuen Problems an.

Mission Impossible

Videokonferenz statt Inlandsflug, ein Tag im Homeoffice, autofreie Innenstädte, schnelles und effektives Krisenmanagement in einer funktionierenden Demokratie – plötzlich geht vieles, was vorher angeblich nicht machbar war. Dass das alles nicht auf Anhieb reibungslos funktioniert, ist klar. Doch um etwas verbessern zu können, muss man es erstmal ausprobieren. Selbst die Vorstellung einer stau- und smogfreien Metropole ist plötzlich gar nicht mehr so abwegig, wenn man ein realistisches Bild davon im Kopf hat.

The Power of One

Abstandsregeln, Maskenpflicht und „Stay at home“-Appelle haben eindrücklich klargemacht, dass es bei der Bewältigung der Krise auf das individuelle Verhalten jedes Einzelnen ankommt. Deutlich wird auch, dass die Missachtung wissenschaftlicher Prognosen das Problem nicht löst und deshalb auch eine Entscheidung fürs Nichtstun Folgen hat, für die man die Verantwortung übernehmen muss. In diesem Zusammenhang kann konsequentes Regierungshandeln eine globale Kettenreaktion auslösen, weil die Regierungen der anderen Länder ihre Tatenlosigkeit nicht mehr rechtfertigen können. Mangels vertretbarer Argumente geraten sie in Erklärungsnot und ziehen nach. Einzelne „Vorreiter“ sind so in der Lage, das Ruder herumzureißen.

Flatten the curve!

Die ersten Wochen der Corona-Krise haben uns vor allem Eines eindrücklich vor Augen geführt: die beunruhigende Dynamik exponentieller Beschleunigung. Am Anfang sieht es noch harmlos aus, aber dann geht plötzlich alles ganz schnell. Hinzu kommt der „Bremsweg“, also unser Handeln von heute wirkt sich erst mit zeitlicher Verzögerung aus. Man muss also auf der Basis wissenschaftlicher Prognosen drastische Maßnahmen ergreifen zu einem Zeitpunkt, zu dem sie noch unverhältnismäßig und übertrieben wirken. Wartet man die wirklich dramatischen Folgen ab, kann es schon zu spät sein.

Auch die globale Erwärmung setzt weltweit Prozesse in Gang, die sich selbst beschleunigen. Was in der Corona-Krise die Anzahl der Intensivstations-Betten ist, ist in der Klima-Krise die 1,5-Grad-Marke – eine „Grenze“, ab der die Krise außer Kontrolle gerät und die Folgen nicht mehr absehbar sind. Um zu verhindern, dass der Klimawandel diese kritische Phase erreicht, müssten die globalen CO2-Emissionen drastisch sinken – und dass nicht nur in diesem Jahr, sondern auch nächstes Jahr und im Jahr darauf … Bis wir bei Netto-Null angekommen sind.

Klingt unmöglich? Paradoxerweise stimmt unser Umgang mit der aktuellen Corona-Krise optimistisch. Denn auch die globale Temperaturkurve ist „nur“ eine Kurve. Und es ist möglich, ihren Verlauf zu beeinflussen und eine nachhaltige Trendwende einzuleiten.

Die Kurve kriegen
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