Wetterextreme

Die Launen des Himmels

2020 war das Jahr, in dem viele einen neuen Trendsport für sich entdeckt haben: das Spazierengehen. Raus aus der Wohnung und eine Runde um den Block, Schritt für Schritt gegen den Corona-Stillstand, mit Abstand und viel frischer Luft gegen Bewegungsmangel und Lockdown-Monotonie. Als Meteorologin und seit ein paar Monaten auch Spaziergängerin auf Leistungssportniveau ist mir beim Blick in die Gesichter meinen Mitspazierenden folgendes aufgefallen:

„Wenn man sie sah, schien es, als empfänden sie zum erstenmal und unmittelbar die Auswirkungen des jeweiligen Wetters. Ihre Miene wurde beim bloßen Auftauchen von goldenem Licht fröhlich, während Regentage einen dichten Schleier über ihre Gesichter und Gedanken legten.“

Das stammt zugegebenermaßen nicht von mir, sondern von einem gewissen Herrn Camus, der das Gefühl beschreibt, seit dem Ausbruch einer Seuche plötzlich viel stärker „den Launen des Himmels ausgeliefert zu sein“ (Albert Camus, Die Pest, 1947).

Was für ein Jahr

Apropos launisches Wetter, dazu hatte das ohnehin schon turbulente Jahr 2020 einiges zu bieten: Rekordtemperaturen in der Arktis (z. B. ein neuer arktischer Temperaturrekord mit 38 °C in Sibirien), extreme Hitze, Trockenheit und Waldbrände im Westen der USA sowie im Osten Australiens und im Amazonas-Gebiet, dazu eine Rekordanzahl von insgesamt 30 benannten Stürmen im Nordatlantik, darunter 13 Hurrikane, was dazu führte, dass die Namensliste des US-amerikanischen Wetterdienstes schon im September aufgebraucht war, so früh wie noch nie…

Im globalen Mittel war 2020 gemeinsam mit 2016 das heißeste Jahr seit Beginn der Messaufzeichnungen. Deutschlandweit belegte es Platz 2 im Top-Ranking der wärmsten Jahre, außerdem hat es hier im Durchschnitt mal wieder zu wenig geregnet.
Gleichzeitig erreichte die Menge an Treibhausgasen in der Atmosphäre einen neuen Höchststand. Trotz Corona? Ja, denn auch in diesem Jahr wurden 34 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Luft gepustet – sieben Prozent weniger als im Vorjahr, doch das konnte den Anstieg des absoluten CO2-Gehalts nur geringfügig abbremsen.

Fossil-Fuel-Burn-Out

Wenn Wetter eine Laune ist, dann ist das Klima der Charakter. Aber auch der Charakter kann sich auf Dauer wandeln, und die seit einigen Jahrzehnten beobachteten meteorologischen Stimmungsschwankungen sind ein Hinweis darauf, dass unser globales Klimasystem gerade sein inneres Gleichgewicht verliert: Hitzewellen werden heißer, Starkregen stärker, Tropenstürme  intensiver, Dürren und Waldbrände immer unkontrollierbarer.

2020 war auch das Jahr der vertagten Klimakonferenzen und der aufgeschobenen klimapolitischen Entscheidungen. Umso drängender, dass das in diesem Jahr alles nachgeholt wird und die politischen Weichen im Sinne des Pariser Abkommens gestellt werden. Das wird garantiert kein Spaziergang. Doch nur so lässt sich verhindern, dass die Launen des Wetters langfristig außer Kontrolle geraten.

Die Launen des Himmels
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