Wetterextreme

Ein ganz normaler Sommer …?

Auf seine alten Tage wurde der Sommer 2021 doch noch milde und hat sich im Verlauf einer sonnigen Woche von uns verabschiedet: Am 1. September war meteorologischer Herbstbeginn. Aber was war das eigentlich für ein Sommer? Einerseits der gefühlt immer gleiche Wetterbericht mit seinem Mix aus Sonne, Wolken und Schauern, andererseits eine Abfolge von Wetterextremen – weltweit und in Deutschland.

Nicht cool
Keine Überraschung: Bundesweit gesehen war dieser Sommer deutlich zu nass. Doch schaut man sich die Mittelwerte für Nordwestdeutschland an, waren die vergangenen Monate gar nicht mal so außergewöhnlich. In unserer Region lag die Regenmenge ziemlich genau im Durchschnitt. Auch die Sonnenstunden haben ihr Soll erfüllt. Außerdem war es – was vielleicht der persönlichen Wahrnehmung widerspricht – nicht etwa kälter, sondern sogar etwas wärmer als „normal“, verglichen mit dem sommerlichen Mittel der letzten 30 Jahre. Aber das mit dem „Normal“ ist halt so eine Sache: Was wir als „normalen“ Sommer empfinden, kann sich sehr schnell verschieben. Da reichen einige heftige Hitzewellen in Folge wie 2018 und 2019, und schon kommt uns ein typischer Durchschnitts-Sommer ungewöhnlich kühl und regnerisch vor.

Wetter am laufenden Band
Wie warm die warme Jahreszeit bei uns ausfällt, kommt auf den Verlauf des Jetstreams an. Von diesem „Strahlstrom“ hängt hier in Mitteleuropa wettertechnisch vieles ab, obwohl er in etwa zehn Kilometern Höhe über unseren Köpfen verläuft und man am Boden von dem immerhin rund 300 km/h schnellen Starkwind selbst nichts merkt. Trotzdem ist dieses raue Lüftchen unglaublich wichtig für unser Wettergeschehen: Die Strömung funktioniert wie eine Art Fließband für Hoch- und Tiefdruckgebiete und steuert, wie lange sie wann und wo über Europa herumhängen. Ein starker Jetstream verläuft sehr geradlinig von West nach Ost und sorgt dafür, dass die Druckgebilde in schneller Abfolge über uns hinweggepustet werden – die Folge ist wechselhaftes Wetter und ein eher durchwachsener Sommer.

Illustration: Elisabeth Deim

Angetrieben wird das Fließband vom Temperaturunterschied zwischen Nord und Süd, also der kalten Luft über dem Nordpol und der wärmeren subtropischen Luft. Je größer dieser Temperaturkontrast, desto stärker und schneller der Jetstream. So weit, so gut. Doch wenn sich die Temperaturen angleichen, beginnt der Motor zu stottern – der Jetstream verlangsamt sich, gerät ins Schlingern und der Transport der Druckgebilde stockt. Dann kann ein Hoch- oder Tiefdruckgebiet tage- bis wochenlange über Deutschland liegen bleiben.

Hoch oder Tief? Vom Auf und Ab der Jetstream-Wellen
Während die Sommer 2018 und 2019 durch stagnierende Hochgebiete und damit durch Hitzerekorde und Trockenheit geprägt waren, hatten wir es im Juli 2021 mit einer drastischen Kehrseite der Medaille zu tun: Als der Jetstream zwischenzeitlich ausbeulte, machte sich statt eines Hochs das Unwetter-Tief „Bernd“ über Deutschland breit – die Folge waren extreme Regenfälle und eine Hochwasserkatastrophe. Die Befürchtung ist, dass sich der Klimawandel auf Dauer wie eine Bremse auf den Jetstream auswirken könnte, da sich die Arktis im Zuge der globalen Erwärmung schneller aufheizt als die Regionen weiter südlich. Dadurch wird der Temperaturunterschied geringer und blockierte Wetterlagen immer wahrscheinlicher.

Anderswo ist das Gras gerade brauner …
Die Wellenstruktur eines schwächelnden Jetstreams sorgt dafür, dass kalte Luft nach Süden vordringt und im Gegenzug heiße Luft nach Norden gesaugt wird. Auch wenn die große Hitze bei uns in diesem Jahr weitgehend ausgeblieben ist, gilt das noch lange nicht für andere Regionen der Welt. Rekordtemperaturen in den USA und Kanada, Hitze in Lappland, Waldbrände im gesamten Mittelmeerraum und ein neuer (noch nicht offiziell bestätigter) europäischer Temperaturrekord mit 48,8 Grad auf Sizilien… Kein Wunder, dass der Juli 2021 laut US-Klimabehörde der heißeste Monat seit Beginn der Aufzeichnungen war.

Und wie geht es jetzt hier bei uns in diesem Jahr noch weiter mit dem Wetter? Der Herbst beginnt mit einer vergleichsweise stabilen und sonnigen Wetterlage, die sich voraussichtlich bis in die zweite Septemberwoche hinein hält. Während in Kalifornien noch die Feuer wüten, sinkt hierzulande mit dem Sonnenhöchststand von Tag zu Tag auch die Wahrscheinlichkeit für eine späte Hitzewelle. Doch beim Blick über den Tellerrand wird deutlich, warum es sehr wahrscheinlich ist, dass sich auch 2021 in die Liste der global wärmsten Jahre seit Aufzeichnungsbeginn einreihen wird.

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