Klimahaus auf Reise

Familie Toloa

Als ich durch die geöffnete Flugzeugtür hinaus auf die Gangway trete, trifft mich fast der Schlag. Dabei war ich mental auf schwüles Klima vorbereitet und der Zwischenstopp in Neuseeland hätte etwas zur Akklimatisierung beitragen sollen. Aber diese Suppe aus brütender Hitze und fast greifbarer Feuchte sprengt alle Erwartungen. Das tut wenig später auch die Begrüßung im Ankunftsbereich des Flughafens.

Eine 4-Mann-Kapelle stimmt uns schon am Gepäckband auf Südseefeeling ein und als Jewel dann noch mit frisch geflochtenen Blumenketten, den landestypischen Ulas vor uns steht, sind die 45 Stunden Anreise sofort vergessen.

Jewel ist Vaniahs Schwester und Vaniah der Protagonist in der Reisestation Samoa des Klimahauses.

Jewel ist inzwischen verheiratet, zweifache Mutter. Sie arbeitet für das Katastrophenschutzministerium Tokelaus in Apia, Samoas Hauptstadt und tritt damit in Stück weit in die Fußstapfen ihres Vaters.

Ihr folgen wir in einem nicht mehr ganz der deutschen TÜV-Norm entsprechenden Mietwagen zur Farm der Familie in Faleas’iu.

Auf der kurzen Fahrt rasen Bilder durch meinen Kopf und wirbeln die Gefühle durcheinander. Alles wirkt so fremd und anders und doch so nah. 1000mal habe ich die Filme und Fotos von Samoa in unserer Ausstellung gesehen und fühle mich eigenartig vertraut mit einer Umgebung, die so neu und exotisch für mich ist.

Wiedersehen mit den Toloas

Dann endlich kann ich auch Vaniah und seine Mutter Logo (sprich Longo) in den Arm nehmen. All die Jahre hatte ich die lange Anreise gemieden. Teilweise aus Zeitmangel, aus Respekt vor den vielen Stunden im engen Flieger, und natürlich auch mit Blick auf die CO2-Bilanz. Seit der Eröffnung des Klimahauses 2009 kenne ich die Familie Toloa und seitdem steht der Gegenbesuch in Samoa aus. 2010 begleiteten Jewel und Vaniah ihren Vater Foua auf eine Klimakonferenz nach Bremen und Bremerhaven. Noch heute sehe ich Foua, ein Mann wie ein Baum, wie er bei seiner Rede im Bremer Landesparlament nach Fassung ringt, als er vom drohenden Meeresspiegelanstieg in seiner Heimat Tokelau berichtet. Es gelingt ihm nicht. Mühsam nesteln die tellergroßen Hände ein Taschentuch hervor. Dann kullern die Tränen. Seine, meine und die von zahllosen Zuhörern, für die der Klimawandel zum ersten Mal ein Gesicht bekommt.

2015 starb Foua an Krebs. So wie Samoa und Tokelau dem Klimawandel, den sie nicht verursacht haben, wenig entgegensetzen können, konnte auch dieser starke, charismatische und weise Mann die Krankheit letztlich nicht aufhalten.

Nun treffe ich seine Witwe und lerne nach und nach seine anderen Kinder kennen. Gideon, den ich von Fotos noch als kleinen, frechen Jungen kenne und der heute in Melbourne Lagerwirtschaft studiert. Taleni, der als Zimmermann ebenfalls in Melbourne arbeitet und der ordentlich zugelegt hat.

Vaniah ist nach vielen Jahren in Neuseeland erst vor Kurzem nach Samoa zurückgekehrt, um seiner Mutter auf der Farm zu helfen. Wer erfährt, was in Samoa „Familie“ bedeutet, den wundert nicht, dass Vaniah dafür seiner Karriere als Musiker eine Pause gönnt. Er ist längst im gesamten Südpazifikraum zu einem echten Popstar geworden, mit seiner Band von Stadt zu Stadt und von Insel zu Insel gereist. Während unseres Besuchs ist sein aktueller Titel gerade auf Platz 1 der Charts. Er genießt das Heimkommen und wirkt fast erleichtert, nur noch hier und da mit der Gitarre unterm Arm auftreten zu können.

So’o, die Jüngste treffen wir nicht. Sie lebt mit ihrer Familie auf Fiji.

Logo hat die Rolle des Familienoberhaupts eingenommen und Fouas Erbe angetreten, indem sie sich auch politisch und in der Dorfgemeinschaft engagiert.

9 Enkelkinder hat sie. Die nächste Generation wächst heran. Das Leben geht weiter und selten auf meinen Reisen habe ich so eine Harmonie zwischen dem Gewesenen, dem Heute und dem Morgen verspürt wie hier, wo Trauer und Dankbarkeit, Sorgen und Zuversicht zu einem großen hoffnungsvollen Ganzen werden.

Während wir unser Lager in der Fale der Toloas aufschlagen, die den wenigen Raum großzügig mit uns teilen, fragen wir uns, ob auch das Teil der Fa’a Samoa ist. Der samoanischen Lebensweise, die wir noch erkunden wollen und die uns bis über das Ende unserer Reise hinaus doch verschlossen bleiben wird.

Jetzt gibt es erstmal frische Kokosnüsse und Ananas aus dem eigenen Garten.

Familie Toloa
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