Hier keimt die Zukunft – Mangrovenaufforstung in Vailoa

Ich bin die Letzte, die sich aus dem Einbaum in die Mangroven wagt. Der warme Schlick saugt mich förmlich auf, absorbiert meine Füße, Knöchel und Waden. Hatten wir nicht gerade erst auf Hallig Langeneß eine Wattwanderung? Im Gegensatz zu mir müssen Arne und Alessandro nicht nur sich selbst im Gleichgewicht halten, sondern auch noch das gesamte technische Equipment davor bewahren, im Schlick zu versinken. Es kostet einige Kraft, hier überhaupt vom Fleck zu kommen, und kaum habe ich die ersten wackeligen Schritte hinter mich gebracht, landet etwas auf meinem Rücken. Klatsch! Gröhlendes Gelächter! Klatsch. Wieder lautes Gröhlen. Ich drehe mich um und schaffe es gerade rechtzeitig, einer Hand voll fliegendem Schlick auszuweichen. Abgefeuert von einer der Mangroven-Ladies von Vailoa, die sich hier regelmäßig zur Pflege, Pflanzung und Reinigung der Mangroven treffen. Die Frau grinst mich auffordern an. Ich muss nicht lange nachdenken. Klatsch – jetzt darf sie sich ducken, oder eben ein Matschbad nehmen.

Eine Gruppe Frauen sitzt im Wasser, unterhält sich und raucht.

Dass Samoaner ihre Lebenslust auch bei der Arbeit zum Ausdruck bringen, haben wir mittlerweile oft erlebt. Dass ein ehrenamtliches Mangroven-Aufforstungsprojekt so viel Spaß verbreiten kann, überrascht uns jetzt doch wieder. Witzchen machen die Runde (vor allem auf Kosten der männlichen Mitglieder unseres Filmteams), Axel wird in Mitten von Matsch, warmem Südpazifikwasser und frisch gepflanzten Mangrovensetzlingen mit Aufmerksamkeit überschüttet. Einige Frauen sitzen im Wasser, das ihnen bis knapp unter die Brust reicht, plaudern, gestikulieren, lachen und rauchen genußvoll. Und ganz nebenbei wird gearbeitet. Kinder klettern auf die ausgewachsenen Mangroven, um am Mutterbaum gekeimte Jungpflanzen zu ernten. Hunderte Keimlinge werden weitergereicht und vor die Pflanzungen des letzten Jahres gesetzt. Einfach rein in den Schlick. Es ist so simpel, dass auch wir gleich mit anpacken dürfen. Eine kleine Pfütze Salzwasser entsteht um jeden Setzling, der sich jetzt in einem für die meisten Bäume absolut tödlichen Umfeld entwickeln wird: Im Salzwasser, den Gezeiten ausgesetzt, unter sengender Sonne.

Dringend benötigter Küstenschutz

Mangroven sind für die durch den ansteigenden Meeresspiegel erodierte Küste Samoas nicht nur dringend benötigter Küstenschutz. „Seit wir die Mangroven pflegen, kommen wieder mehr Fische in die Lagune.“, erklärt Ana, die als Teil des Frauenkomitees das Projekt federführend in der Dorfgemeinschaft vorangetrieben hat. Dorfrat und Komitee waren sich einig, dass gesunde Mangroven das Leben der Dorfgemeinschaft auf verschiedene Weise positiv beeinflussen würden: Verbesserung der Wasserqualität, nachhaltige Fischerei mit besseren Einkommen, effektiver Schutz der marinen Zone. Allen voran sind es die Frauen von Vailoa, die dem Klimawandel durch Aufforstung die Stirn bieten. „Das sind die stärksten Frauen im ganzen Distrikt. Echte Heldinnen. Diese Frauen mobilisieren wirklich die gesamte Dorfgemeinschaft!“, schwärmt die zuständige UNDP-Mitarbeiterin.

Keine Frage, dass da starke Frauen vor uns stehen. Simanono, Sue, Ana und ihre Mitstreiterinnen wissen genau, was sie sich für die Zukunft wünschen: Ein neues Fale für das Frauenkomitee – weg vom Dauerlärm der Hauptstraße – und einige kleine Gästefales, um einen bescheidenen Ökotourismus aufzubauen. Immerhin sind die Mangrovenwälder von Vailoa mittlerweile die drittgrößten Samoas. Der Weg zum Ziel war und ist für die Frauen und ihr Projekt kein einfacher. In Samoa wächst das Bewusstsein für Umweltthemen erst langsam. Und die Frauen und ihre Mangroven spüren den immensen Bevölkerungsdruck aus der angrenzenden Hauptstadt Apia. Trotzdem oder gerade deswegen scheuen sie nicht davor zurück, für ihre Zukunftsvisionen um Hilfe zu bitten. „Axel, wie wäre es du bleibst hier und planst uns das Ganze!“, schlägt Ana vor. Alle anderen Mangroven-Ladies klatschen und lachen. Vielleicht, überlege ich mir auf dem Heimweg, sind diese Frauen ja auch ein bisschen wie die von ihnen gesetzten Pflanzen selbst: Da muss schon eine handfeste Katastrophe geschehen, um sie aus dem Lot zu bringen.

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