Klimapolitik und Wissenschaft

Ist die Zukunft noch zu retten?

Eine Zusammenfassung der ersten Machbarkeitsstudie zum Beitrag Deutschlands für die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels.

Beitrag von Susanne Nawrath und Frederike Oberheim (Fridays for Future, Bremer Frau des Jahres 2020)

Was bedeutet eigentlich Paris?

Es ist schon fünf Jahre her, seit 196 Nationen das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet haben. Am Tag der Wahl sind die USA ein Jahr nach der Ankündigung durch Präsident Trump vorrübergehend aus dem Abkommen ausgetreten. Der gewählte Präsident Biden plant aber direkt nach seiner Amtseinführung Ende Januar, dem Abkommen wieder beizutreten. 196 Staaten haben sich damit dazu verpflichtet, ambitioniert gegen die Klimakrise vorzugehen, die menschengemachte Erderwärmung unter 2 °C im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen und das 1,5-Grad-Ziel anzustreben (zur Entstehungsgeschichte des Abkommens und zum 2 °C-Ziel: https://blogachtgradost.de/klimapolitik-wo-stehen-wir-der-weg-nach-glasgow/). Da die USA in den letzten vier Jahren keine politischen Maßnahmen zur Erreichung der Ziele ergriffen haben, ist es um so wichtiger, dass alle anderen Staaten ihre Bemühungen verstärken (dazu auch https://blogachtgradost.de/5-jahre-pariser-klimaabkommen-happy-birthday/). Nach dem Sonderbericht des Weltklimarates werden viele der Kipppunkte, die wie ein Domino-Effekt die Klimakrise zu einer unwiderruflichen, unumkehrbaren und unaufhaltbaren Katastrophe für die gesamte Menschheit machen (IPCC, 2018), bei einer Erwärmung über 1,5 °C wahrscheinlicher. Und die Kippunkte sind bereits näher als gedacht: Dieses Jahr zeigten Studien, dass die globale Erderwärmung bereits die 1-Grad-Marke überschritten hat. Die Menge an Treibhausgasemissionen, die noch ausgestoßen werden darf, wenn wir unter 1,5 °C Erwärmung bleiben wollen, ist also fast aufgebraucht. Weltweit stehen seit 2018 noch maximal 580 Gt CO2 zur Verfügung, um mit 50 %-iger Wahrscheinlichkeit das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten (IPCC, 2018). Deutschland darf nach dieser Rechnung, die die historischen Emissionen nicht mit einbezieht, maximal nur noch 4,2 Gt CO2 emittieren (SRU, 2020). Bis 2025 müssten bereits 50 % der deutschen Emissionen reduziert werden – die nächste Legislatur entscheidet also über unsere Zukunft!


Abbildung 1: Beispielhafter Emissionspfad zur EInhaltung des deutschen 1,5°-Budget, inkl. aktueller Ziele der Bundesregierung (Darstellung des Wuppertal Instituts, basierend auf SRU 2020)


[Da es seitens der Bundesregierung keine seperaten Minderungsziele (ausschließlich) für CO2-Emissionen gibt, werden in dieser Abbildung die auf alle Treibhausgase bezogenen Minderungsziele der Bundesregierung dargestellt. In den letzten Jahren machen die CO2-Emissionen rund 88 % der gesamten deutschen Treibhausgasemissionen aus.]

Ist das noch machbar?

Um genau diese Frage zu beantworten, hat Fridays for Future Deutschland beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie eine Studie beauftragt – die erste 1,5-Grad-Machbarkeitsstudie Deutschlands! Und, um es kurz zu fassen: Ja, Deutschland kann noch das 1,5-Grad-Ziel einhalten! Die technischen Möglichkeiten dafür sind gegeben, aber sie müssen auch genutzt werden. Die kommende Bundesregierung muss die Reduktion von CO2-Emissionen und den Klimaschutz in allen Bereichen an erste Stelle setzen. Die verschiedenen Sektoren müssen schnell und konsequent transformiert werden, wobei auch die sozial gerechte Gestaltung für die Zielerreichung zentral ist. Die Bundesregierung muss also endlich das Versprechen des Pariser Klimaabkommens einlösen und mit der „größtmöglichen Ambition“ ihren Beitrag zum Erhalt unserer Lebensgrundlage und der Herstellung globaler Klimagerechtigkeit leisten.

Die Studie gibt dabei auch die notwendigen Maßnahmen in den Sektoren Energie, Industrie, Verkehr und Gebäude an:

Energie: 100 % Erneuerbare und 0 % fossile Energieträger bis 2035

z.B. durch Ausbau von Wind- und Solarenergie von zusammen mindestens 25 bis 30 GW pro
Jahr, das bedeutet mindestens eine Vervierfachung des aktuellen Ausbaus.

Industrie: Klimaneutralität durch Umbau, Kreisläufe und neue Technologie

z.B. durch Errichtung eines Wasserstoff-Pipelinenetzes und Aufbau der benötigten
Infrastruktur für eine klimaneutrale Industrie innerhalb weniger Jahre.

Verkehr: Vermeiden, Verlagern, Verbessern

z.B. durch Abschaffung der vielzähligen klimaschädlichen Subventionen im Verkehr (z.B.
Steuerbefreiung von Flugbenzin, das Dieselprivileg, Subventionen von Regionalflughäfen, Bevorzugung für den Straßenbau…) und einer Einführung eines signifikant höheren CO2-Preises auf fossile Kraftstoffe.

Gebäude: In die Zukunft mit Suffizienz, Effizienz und Konsistenz

z.B. durch Steigerung der energetischen Sanierungsrate auf 4 % pro Jahr, also eine
Vervierfachung der aktuellen Rate, durch die Einführung eines breiten Spektrums an Maßnahmen von der Verpflichtung zur Sanierung bei Verkauf oder Vererbung bis zur wirkungsvollen und sozial gerechten CO2-Bepreisung, sowie eine Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive im Handwerk

Was dann noch fehlt: Klimagerechtigkeit

In der Studie und in den Budget-Berechnungen des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU) bleibt jedoch eins außen vor: Die globalen Dimensionen und Ungerechtigkeiten der Klimakrise. Historisch haben Industrienationen im Globalen Norden, wozu auch Deutschland zählt, signifikant mehr emittiert, als Nationen im Globalen Süden, die jedoch deutlich stärker von den Folgen der Klimakrise betroffen sind. Deutschland trägt damit eine besondere Verantwortung, weil wir als Staat eben auch besonders verantwortlich sind für die jetzige Krise. Um die historischen kumulierten Emissionen mit zu beachten und Klimagerechtigkeit zu etablieren, die auch im Pariser Klimaabkommen als moralische Maxime festgehalten wird, müsste Deutschland nicht nur noch konsequenter die eigenen Emissionen reduzieren, sondern auch zu den negativen Emissionen beitragen. Das bedeutet, CO2 aus der Atmosphäre aufzunehmen, zu speichern und damit das weltweite CO2-Budget zu erhöhen. Nur so kann der Weg aus der Klimakrise sozial gerecht für alle Menschen auf diesem Planeten sein!

Viel Wille, ein bisschen Mut und große Hoffnungen

Was es jetzt vor allem braucht, ist ein starker politischer und gesellschaftlicher Wille für eine umfassende soziale und ökologische Transformation unseres aktuellen Systems. Nur so können wir unseren Planeten, aber vor allem unsere eigene Zukunft retten. Die Grenzen für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit sind schon lange keine technologischen mehr. Alle Maßnahmen, die jetzt dringend eingesetzt werden müssen, sind machbar. Wir können es also noch schaffen – dieses Welt-retten – mit viel Willen, ein bisschen Mut und großen Hoffnungen auf ein besseres Morgen für alle.

Referenz: Wuppertal Institut (2020). CO2-neutral bis 2035: Eckpunkte eines deutschen Beitrags zur Einhaltung der 1,5-°C-Grenze. Bericht. Wuppertal. https://fridaysforfuture.de/studie/

Quellen:

IPPC (2018). Global Warming of 1,5°C. An IPCC special report on the impacts of global warming of 1,5 °C above pre-industrial levels and related global greenhouse gas emission pathways, in the context of strengthening the global response tot he treat of climate change, substainable development, and efforts to eradicate poverty. Genf. http://www.ipcc.ch/report/sr15

SRU (2020). Für eine entschlossene Umweltpolitik in Deutschland und Europa [Umweltgutachten 2020]. Sachverständigenrat für Umweltfragen. https://www.umweltrat.de/SharedDocs/Downloads/DE/01_Umweltgutachten/2016_2020/2020_Umweltgutachten_Entschlossene_Umweltpolitik.html

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