Klimapolitik und Wissenschaft

Niger – ein Transit-, Herkunfts- und Zielland

Ann Johansson

Im März 2020 reiste die Hamburgerin Mattea Weihe für 4 Wochen nach Niamey, um dort im Rahmen eines Forschungsprojektes Interviewdaten zu erheben. Das Ziel ihrer Forschung war es, Einflüsse verschiedener Migrationsgesetze und Regulierungen auf nationale und internationale Migrationsbewegungen in der Region zu verstehen. Nachdem wenige Tage nach ihrer Ankunft Flughäfen coronabedingt geschlossen wurden und sich die Reiseeinschränkungen verschärften, beschloss sie, den Aufenthalt nach 9 Tagen abzubrechen und die Rückreise anzutreten. Dank der Zusammenarbeit mit einem lokalen Research Partner konnte die Forschung aber vor Ort weitergeführt werden.

Von Mattea Weihe

Niger ist ein Agrarland, in dem neunzig Prozent der Bevölkerung in Landwirtschaft und Viehzucht tätig sind. Viehhirten und Bauern reisen je nach Jahreszeit innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen. Traditionell baut die Bevölkerung in der Regenzeit Getreide an und fokussiert sich für den Rest des Jahres auf die Viehzucht oder andere kleinere Aktivitäten. Da der Süden früher fruchtbar war, konnten die landwirtschaftlichen Erträge in der Vergangenheit die Bedürfnisse in der Trockenzeit abdecken. Schwere Dürreperioden in den letzten Jahren führten jedoch zu Ernten, dessen Ertrag nicht ausreichend war, um die Bevölkerung während der beiden unterschiedlichen Jahreszeiten zu versorgen. Heute sind die Menschen im Agrarsektor stark von den Veränderungen der Umwelt abhängig und sehen sich mit zunehmenden klimatischen Herausforderungen wie Niederschlagsschwankungen, zyklischen Dürreperioden und zunehmender Wüstenbildung konfrontiert. Modelle zum Klimawandel veranschaulichen tiefgreifende Veränderungen in der Sahelzone. Eine Studie aus dem Jahr 2008 zeigt zum Beispiel, wie sich die Dürrezyklen schon zur Jahrtausendwende deutlich verändert haben. Diese haben sich in der Vergangenheit nach und nach verkürzt und erstrecken sich heute nur noch über einen Zeitraum von 5 Jahren während sie in der Vergangenheit regelmäßig 20 Jahre auseinander lagen.

Die Rolle des Fluss Niger

Der Niger Fluss ist ein zusätzlicher Faktor, der bei der Betrachtung der klimatischen Herausforderungen im Niger berücksichtigt werden muss: Aufgrund der starken Abholzung kriecht Sand in den Fluss und führt zu niedrigeren Wasserständen, was nicht nur die Fortpflanzung der Fische, sondern auch die Existenzgrundlage der Fischer beeinträchtigt. Ein weiteres Phänomen, welches in den Debatten über den Klimawandel Aufmerksamkeit erregt, ist das Austrocknen von Seen. Der Tschadsee, der zum Teil im Niger liegt, hat in den letzten Jahrzehnten einen bedeutenden Wandel erfahren. Durch das Austrocknen des Sees werden die Lebensgrundlagen der Menschen des Niger auf verschiedenen Ebenen beeinträchtigt.

Niger – ein Transit, Herkunfts und Zielland

Betrachtet man Migrationsformen im Land, so ist Niger gleichzeitig ein Transit-, Herkunfts- und Zielland. Historisch gesehen war das Land jedoch in erster Linie ein Auswanderungsland, aus dem Nigrer*innen in ihre Nachbarländer migrierten. Die bisherige Forschung weist darauf hin, dass die Migration des Landes zu einem großen Teil temporär, saisonal und zirkulär ist und mit dem landwirtschaftlichen Charakter der nigrischen Wirtschaft zusammenhängt. So ist es üblich, während der Trockenzeit in die Nachbarländer zu migrieren und zur Ernte- oder Regenzeit in die Heimat zurückzukehren. Nachdem Nigrer*innen zunächst vorrangig in die westafrikanischen Küstenstaaten auswanderten, verlagere sich die Migrationsroute in den 1970er nach Libyen. Bis heute reisen viele Nigrer*innen nach Libyen, um nach einer gewissen Zeit in ihr Heimatland zurückzukehren.

Hinzu kommen Staatsangehörige aus anderen afrikanischen Ländern, die durch das Land in den afrikanischen Norden reisen. Da der Niger auf der Route zwischen west- und nordafrikanischen Staaten liegt, wurde er in den 1990er Jahren zu einer wichtigen Transitroute, nachdem die Grenze zwischen Tschad und Libyen geschlossen wurde und wachsende Unsicherheiten auf der Route durch Mali entstanden. Heute gilt der Niger als wichtiges Land innerhalb des trans-saharischen Migrationskorridors und ist zu einem der wichtigsten Transitländer für verschiedene Formen der Migration geworden. Migrant*innen, die das Land durchqueren, stammen überwiegend aus Subsahara und Westafrika und kommen aus Nigeria, Mali, Senegal, Guinea Conakry, Guinea-Bissau, der Elfenbeinküste, Gambia, Liberia, Sierra Leone, Burkina Faso, Ghana, Benin und Togo.

Um ihr Ziel in den nordafrikanischen Staaten zu erreichen, müssen nigrische als auch internationale Migrant*innen durch die nördliche Stadt Agadez reisen. Die Tatsache, dass jede Person auf dem Weg in den Norden in Agadez Halt machen muss, hat insbesondere im Transport- und Unterkunftssektor zur Gründung neuer wirtschaftlicher Aktivitäten geführt. Infolgedessen schuf diese Form der Migration wirtschaftliche Möglichkeiten in einer Region, in der andere Alternativen rar sind und wurde so zu einem integralen Bestandteil des täglichen Lebens. Zeitgenössische Forschung zeigt, dass diese Form der Migration zum Lebensunterhalt der Menschen in der Region beiträgt und diesen lange Zeit sichern konnte.

Ein wichtiger und aktuell wirkender Faktor, den es im Niger zu beachten gilt, ist das „Gesetz gegen die illegale Einschleusung von Migranten“ (Loi 2015-36 Relative au Trafic Illicite de Migrants), das die Externalisierungsbemühungen der Europäischen Union in der Sahelzone widerspiegelt und zeigt, wie tief der europäische Einfluss auf die Migrationspolitik in der Region verwurzelt ist. Am 26. Mai 2015 erließ die nigrische Regierung unter dem Druck der europäischen Partner ein Gesetz, welches der nigrischen Bevölkerung verbietet, internationale Migrant*innen von der Stadt Agadez aus nach Norden zu transportieren: Sobald diese Fahrer verhaftet werden, werden sie des Menschenhandels beschuldigt und ihre Fahrzeuge beschlagnahmt. Bis heute wird das Gesetz 036-2015 zwischen Wissenschaftler*innen, politischen Entscheidungsträger*innen, zivilgesellschaftlichen Organisationen sowie der lokalen Bevölkerung heftig debattiert.

Als Resultat der Implementierung des Gesetztes befinden sich die nigrischen politischen Entscheidungsträger*innen in der Schwebe zwischen dem rechtlichen Rahmen der ECOWAS Zone, die den freien Personen- und Warenverkehr ermöglicht, und dem Druck der europäischen Partner, die die nigrische Regierung dazu drängen, europäische Externalisierungspraktiken als Gegenleistung für Entwicklungshilfe umzusetzen. Während die Umsetzung des Gesetzes nicht nur Fragen der europäisch-nigrischen Zusammenarbeit und einer damit verbundenen Abhängigkeit aufwirft, sind ebenfalls Konsequenzen für die lokale Bevölkerung sowie internationale Migrant*innen zu erkennen. Das Gesetz führte nicht nur zu einem wirtschaftlichen Rückgang der Einkommen ehemaliger Migrationstransporteure sowie verschiedener Gemeinden im Norden, sondern wirkte sie sich auch auf die humanitäre Situation der Migrant*innen im Land aus: Seit der Implementierung wurde die Routen gefährlicher und die Reise teurer. Darüber hinaus änderte sich nach der Umsetzung dieses Gesetzes die Sicherheitslage, da Spannungen zwischen der lokalen Bevölkerung und den Transitmigrant*innen, die in der Stadt Agadez festsitzen, sichtbar geworden sind.

Die europäischen Bemühungen, Migration in vielen Orten auf der Welt zu stoppen, führen im Niger auch dazu, dass die lokale nigrische Migration, die u.a. auf Grund von Klimaveränderungen eine wichtige Überlebensstrategie ist, behindert wird. Ähnlich wie Migrant*innen in Transit sind auch nigrische Migrant*innen während ihrer Reise einer zunehmenden Gefährdung ausgesetzt – eine Tatsache, die als Resultat der europäischen Migrationspolitik in der Region gewertet werden kann.

Mattea Weihe hat in Hamburg Islamwissenschaft (BA) und Friedensforschung und Sicherheitspolitik (MA) studiert. Seit 2018 engagiert sie sich in der zivilen Seenotrettung im Mittelmeer, wo sie als Cultural Mediator in mehreren Rettungsmissionen im Einsatz war. Heute arbeitet sie in der Medienabteilung von Sea-Watch e.V. als Pressesprecherin. 

Niger – ein Transit-, Herkunfts- und Zielland
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