Klimapolitik und Wissenschaft

Strategien zur Klimarettung unter der Lupe

Viktoria Kurpas

Unsere auf fossilen Brennstoffen basierende globale Wirtschafts- und Lebensweise befördert Unmengen von Treibhausgasen in die Erdatmosphäre und sorgt für einen stetigen Temperaturanstieg auf unserem Planeten. Befeuert wurde diese Entwicklung durch Innovationen und technologischen Fortschritt. Die Weltwirtschaft wuchs mehr und mehr und es entstand ein enormer Wohlstand, obgleich dieser sehr ungleich verteilt wurde und wird. Seit den 1950er Jahren wird die Wirtschafts- und Wohlstandsentwicklung mit dem Bruttosozialprodukt gemessen.

Der Preis des Wachstums

Angesichts der Klimakrise wird deutlich, dass sich die Wirtschaftsweise ändern muss. Das permanente Wirtschaftswachstum, also die Steigerung des Bruttosozialprodukts, hat zweifelsohne ihren Preis. Dieser wird vor allem vom Klima, der Natur und Menschen vor allem auf anderen Erdteilen gezahlt. Doch auch hier in Deutschland wirkt sich das Klima immer stärker aus. Die Fluten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zeigten das eindrücklich. Mit der immer drängenderen Klimakrise stellen sich viele Menschen die Frage, ob Wachstum auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen überhaupt möglich ist? Mittlerweile ist man sich darüber einig, dass unser zukünftiges Wohlergehen nicht in erster Linie vom Bruttosozialprodukt abhängt, sondern mit der Frage, ob wir unsere Lebensweise rechtzeitig mit den planetaren Grenzen in Einklang bringen können.

Krise verdeutlicht Zusammenhang

Gerade die Coronakrise hat nochmals verdeutlicht, wie eng der Treibhausgasausstoß an das Wirtschaftswachstum und unsere Verhaltensweisen gekoppelt ist. Durch den Lockdown, welcher weniger Mobilität, Produktion und Konsum nach sich zog, sparten wir große Mengen der schädlichen Treibhausgasemissionen ein. Tatsächlich wurde durch unsere Verhaltensänderung erst möglich, dass wir die selbst gesteckten Klimaziele im Jahr 2020 erreichen konnten. Es steht also fest, dass wir etwas verändern können und müssen, um den menschengemachten Klimawandel abzumildern.

Streit zwischen zwei Strömungen: Postwachstum vs. Green Economy

Aber welche Strategie führt zum nachhaltigen Erfolg? Es gibt zwei Lager: zum einen die Anhänger des Grünen Wachstums, welche auf technologische Innovationen setzen und der Meinung sind, dass nachhaltiges Wirtschaftswachstum möglich ist. Ihre Grundannahme ist, dass sich Wirtschaftswachstum und schädlicher CO2-Ausstoß entkoppeln ließen. Die Vertreter der Postwachstumsökonomie bezweifeln diese Annahme dahingegen. Die Lösung des Problems liegt für sie auf der Hand: Schrumpfung der Wirtschaftsleistung und die Abkehr vom Wachstumsparadigma. Betrachtet man beide Strömungen genauer, wird schnell klar, dass keine der beiden alleine die Lösung zu sein scheint.

Kritik am Grünen Wachstum

Wie ich bereits in meinem Beitrag zum Rebound-Effekt darlegen konnte, führten technologische Innovationen in den meisten Fällen noch nicht dazu, dass wir weniger Treibhausgase ausgestoßen haben. Eindrucksvoll zeigt dies beispielsweise der Verkehrssektor. In diesem ist der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase trotz immer effizienterer Motoren nicht zurückgegangen, sondern auf einem gleichen Level geblieben. Dies liegt schlichtweg daran, dass die Autos größer und schwerer wurden und die Menschen einfach weitere Strecken fahren und so den technologischen Faktor zunichtemachen. Auch die Herstellung von Akkus für E-Autos ist mit einem erheblichen Energieaufwand verbunden und steht unter dem Verdacht die Umwelt sehr zu belasten. Zusätzlich ist zurzeit noch nicht geklärt, wo die Akkus später entsorgt werden sollen. Wie wir also sehen, ist die Entkopplung von Wachstum und Umweltauswirkungen gar nicht so einfach.

Kritik an der Postwachstumsökonomie

Doch auch der Postwachstumsgedanke ist mit einigen Problemen behaftet. Kritiker bringen ein, dass durch eine Minderung der Wirtschaftsleistung wichtige Innovationen für den Klimaschutz abgewürgt werden könnten. Zusätzlich hat das ökonomische Wachstum für viele Menschen in der westlichen Welt zum wachsenden Wohlstand beigetragen und sorgte somit zumindest in diesem Teil der Welt für den Erhalt des sozialen Friedens.
Hinzu kommt, dass wir bei der Bewertung unserer Lebensverhältnisse häufig einem Fehler aufsitzen: Wer hätte gedacht, dass Personen mit dem in Deutschland durchschnittlichen Nettoeinkommen von 2000,- EUR einkommenstechnisch schon zu den oberen 10 % der Weltbevölkerung gehören? Gefühlt ist das sicher nicht so. Ich möchte damit zum Ausdruck bringen, dass es extrem schwierig ist den Menschen klarzumachen, dass sie mit Ihrem Einkommen wohlmöglich schon weit über der Wachstumsgrenze der postökomischen Wachstumsstrategie liegen. Von den Menschen, die mit einem Bruchteil von diesem Gehalt in den Entwicklungs- und Schwellenländern klar kommen müssen, ganz zu schweigen. Diesbezüglich scheint eine demokratische Umsetzung der Postwachstumsstrategie außer Reichweite zu sein.

Ausblick

Es zeigt sich, dass wir höchst wahrscheinlich sowohl auf Elemente des Postwachstumsgedankens als auch des Grünen Wachstums zurückgreifen müssen, um einen realisierbaren Mittelweg für einen effektiven Klimaschutz zu finden. Es ist sicher, dass wir uns darüber Gedanken machen sollten, welche weiteren Messinstrumente wir abseits des Bruttosozialprodukts hinzuziehen, um unser Wohlbefinden und den Zustand unseres Planeten besser messbar machen zu können. Denn dies kommt mit der bisherigen Betrachtungsweise wesentlich zu kurz! Zusätzlich sollten die Waren und Produkte mit ihren tatsächlichen Preisen versehen werden, um eine Ausbeutung von Mensch, Natur und Klima zu verhindern und dem teilweise herrschenden Überkonsum auf der Welt Herr zu werden. Die Supersonderangebote für Fleisch sind da nur ein Bespiel, aber ein plakatives. Um zu einem faireren Preis von Produkten und Waren zu gelangen, der auch den Klimaschutzaspekt berücksichtigt, wäre die Ausweitung und Erhöhung des CO2-Preises ein erster Schritt in die richtige Richtung.





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