Klimahaus auf Reise

The lucky ones

Wir hätten nicht besser Regie führen können. Mit uns zusammen verlässt eine Jugendgruppe Fakaofo, um zu einem Wettbewerb in traditionellem Singen und Tanzen nach Atafu zu reisen. Jedes freie Fleckchen ist belegt. Überall drängen sich die Jugendlichen an Deck zusammen, und kaum hat das Schiff abgelegt, zaubern sie aus ihren Palmblätter-Körben Unmengen Essen, das an alle Passagiere verteilt wird. Brotfrucht, Schwein, Huhn, Kokosnüsse, Brot. Es ist ganz selbstverständlich, dass wir bedacht werden – Inati heißt das System, das zum Teilen verpflichtet. Niemand soll leer ausgehen. Zum Nachtisch gibt es traditionelle polynesische Lieder, von Gitarren, improvisierten Trommeln und Klatschen begleitet. Wie eine stetig wachsende Welle schwillt der Gesang an, passend zur Kraft des Pazifiks.

Diesel? War mal!

Auch auf dem nächsten Atoll, Nukunonu, wird deutlich, dass wir auf den Spuren von Foua Toloa unterwegs sind – der Mann, der bahnbrechende Veränderungen wie die Einführung von Solarenergie in Tokelau bewirkt hat und Klimahaus-Besuchern als charismatischer Kämpfer für Klimaschutz und Gerechtigkeit (und den Kurzhaarschnitt seines Sohnes Vaniah) ein Begriff ist. Kürbisse ranken im Schatten der Solaranlage, die in europäischen Dimensionen klein erscheint, für Nukunonu aber völlig ausreicht. Während vorher Diesel für die Generatoren aus Samoa herübergebracht werden musste, wird das nur noch für die wenige Tage ohne ausreichend Sonnenlicht gebraucht.

Tokelau weiß um seine Einzigartigkeit und Verwundbarkeit. In Samoa besitzt die Inselnation bereits ein Stück Land, das nach den Prinzipien des Schlüssellochgartens bewirtschaftet wird. Eine Methode, die ursprünglich für aride Regionen Afrikas entwickelt wurde. Perfekt für Tokelau, das es sich nicht leisten kann, die kostbare Ressource Süßwasser zu verplempern. Alles Wasser, das die Menschen hier zum Überleben benötigen, fällt vom Himmel, läuft über die extra dafür eingeführten Wellblechdächer und landet schließlich in den Zisternen der Haushalte. Aus dem Garten in Samoa wird Obst und Gemüse nach Tokelau gebracht, während Jugendliche hier vor Ort dafür verantwortlich sind, das Schlüssellochgärtnern auf den Atollen voranzutreiben.

Leben im vermeintlichen Paradies

Atafu kommt landschaftlich meiner Vorstellung vom Paradies schon ziemlich nahe. Türkise Lagunen, in denen Kinder planschen, umsäumt von Kokospalmen, die in dichten Wald übergehen. Gleich hinter dem Friedhof beginnt die Schutzmauer von Atafu. Oder das, was von ihr noch übrig ist. Riesige Betonbrocken wurden von der Kraft der Wellen weggerissen. Das letzte Stück Mauer am Friedhof ist auch schon größtenteils unterspült. „Atafo braucht dringend eine neuer Mauer, um das Eindringen des Meeres zu verhindern.“, bestätigt der Minister of Climate, Oceans, and Resilience Development, Hon. Aliki Faipule Kelihiano Kalolo. Aber die ist teuer, und auch hier waren erst einmal Schule und Krankenhaus dran. Alle neuen Gebäude werden erhöht auf Sockeln gebaut. Der Minister weiß, dass Tokelau seinen Nachkommen vielleicht nicht mehr Heimat sein kann. Aber die Hoffnung bleibt, und damit der Kampfgeist.

Auf dem Rückweg haben wir auf Fakaofo noch einmal die Gelegenheit, mit Mose Pelasio, dem Dorfvorsteher, zu sprechen. Eine längerfristige Zusammenarbeit zwischen Fakaofo und dem Klimahaus Bremerhaven wäre wichtig. Die Generation auf Fakaofo, die jetzt ganz deutlich vom Klimawandel betroffen sein wird, braucht ein Sprachrohr. „Übrigens habe ich euch auf Facebook gesehen.“. Live-Post der Jugendlichen bei ihrer Ankunft in Atafu. „Wisst ihr,was ich da dachte?“. Er schaut in unsere erwartungsvollen Gesichter. „You are the lucky ones!“.

The lucky ones
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