Klimahaus-Empfehlungen

„The Ministry for the Future“: Eine hoffnungsvolle Allegorie darauf, was Menschen bewirken können

Climate Fiction: Anfang Oktober erschien in den USA der neue Roman von Kim Stanley Robinson, einem der weltweit renommiertesten Science-Fiction-Autoren. Das Buch ist eine drastische Parabel auf das, was kommen könnte – und auf das, was sich verhindern ließe, wenn die Menschheit zusammensteht. Eine Rezension

Vergangene Woche erschien in den USA der neue Roman des Bestseller-Autors Kim Stanley RobinsonThe Ministry for the Future ist sein Meisterwerk über die Folgen des Klimawandels für die Menschheit und die Artenvielfalt auf der Erde, eine dramatische und drastische Parabel auf das, was kommen könnte – und auf das, was sich verhindern ließe, wenn die Menschheit zusammensteht. Robinson bezeichnet das Buch als seinen Beitrag „über das gute Anthropozän“, und er zieht alle Register des Storytellings, um die Leserinnen und Leser in seinen Bann zu schlagen.

Die Erzählung beginnt, ungefähr dreißig Jahre in unsere Zukunft versetzt, mit dem lakonischen Satz: „It was getting hotter.“ Eine der Hauptpersonen des Romans, der Entwicklungshelfer Frank May, erlebt im Norden Indiens eine unerträgliche und tödliche Hitzewelle, die Millionen Menschen umbringt. Das Lesen des ersten Kapitels des Romans ist kaum auszuhalten, denn Robinson schildert die verzweifelten und vergeblichen Versuche von Menschen in Mays Umfeld, dem Hitzetod zu entkommen. Das erste Kapitel endet mit dem Satz: „Everyone was dead.“

Seit 20 Jahren beschäftigt sich der Bestseller-Autor mit dem Klimawandel

Kim Stanley Robinson ist einer der anerkanntesten, wissenschaftlich orientierten Science-Fiction-Schriftsteller der USA. Er beschäftigt sich seit zwanzig Jahren überwiegend mit dem Thema Klimawandel und hat dazu bereits mehrere Romane vorgelegt: Green Earth (2015), eine gekürzte Version seiner vorigen Bücher der Science-in-the-Capital-Serie Forty Signs of Rain (2004), Fifty Degrees Below (2005) und Sixty Days and Counting (2007) sowie zuletzt New York 2140 (2017).

Robinson wurde im Jahre 2008 vom US-Magazin Time als „Hero of the Environment“ ausgezeichnet. Der New Yorker nannte ihn einen der wichtigsten politischen Schriftsteller, der heute in Amerika arbeitet. Robinson hat für seine Romane zahlreiche Preise erhalten, zweimal (1995 und 2016) wurde er vom U.S. National Science Foundation’s Antarctic Artists and Writer’s Program in die Antarktis geschickt, um Literaturstudien zu betreiben. Robinson arbeitet bis heute mit dem Sierra Nevada Research Institute zusammen und ist  begeisterter Bergsteiger.

Nach seinem dramatischen Auftakt entwickelt sich The Ministry for the Future aber zu einer Erzählung der Hoffnung. Die Vereinten Nationen beschließen die Gründung eines Zukunftsministeriums in Zürich, das im Auftrag der kommenden Generationen – sowohl der Menschen als auch aller Pflanzen und Tiere – Vorsorge treffen soll, um die Folgen des Klimawandels abzumildern. Die Leitung wird einer ehemaligen irischen Premierministerin übertragen, Mary Murphy, die ihre Aufgabe, zwischen Tatkraft und Verzweiflungsphasen changierend, schließlich zu einem guten Ende führt.


Kim Stanley Robinson 2017 bei der Vorstellung seines vorherigen Buches im Klimahaus Bremerhaven 8° Ost;
Foto: Fritz Heidorn

Dazwischen lesen wir eine Fülle von Erzählsträngen, Ideen, politischen und technischen Kommentaren, kurz, ein Kaleidoskop von Interpretationen zum Thema Klimawandel, das anfangs etwas verwirrend erscheint, zumindest für diejenigen, die eine stringente Erzählweise bevorzugen – das aber interessant ist für alle, die die Komplexität des Themas begreifen wollen. Robinson fordert seine Leserinnen und Leser heraus, er regt sie an, ihn auf seinem Weg der schwierigen Lösungsfindung zu begleiten; und er regt sie auf, um viele denkbare Irrwege und Umwege hin zu positiven Entwicklungen zu beschreiten.

Robinson hat in seinem Roman die Erzählstränge durch naturwissenschaftlich-technische Sachinformationen und narrative Kunstgriffe wie Rätsel und politische Kommentare erweitert, was der Kunstform des Romans neue Möglichkeiten eröffnet. Die Erzählung wird so zu einem komplexen Erfahrungsfeld, analog zum Sachverhalt, den der Autor behandelt.

Das Kapitel 2 beginnt mit einem der zahlreichen Rätsel, die der Autor in seinen Roman eingebunden hat. Wir lesen, wie sich jemand Unbekanntes vorstellt:

I am a god and I am not a god. Either way, you are my creatures. I keep you alive. Inside I am hot beyond all telling, and yet my outside is even hotter. At my touch you burn, though I spin outside the sky. As I breathe my big slow breaths, you freeze and burn, freeze and burn. Someday I will eat you. For now, I feed you. Beware my regard. Never look at me.

Eine lyrische Beschreibung der Sonne, wie man als Leser schnell begreift.

Im politischen Zentrum der Haupt-Erzählung steht die Frage internationaler Kooperation. Die Regierung Indiens tritt nach der Hitzewelle mit Millionen von Todesopfern aus allen internationalen Verträgen aus und geht ihren eigenen verzweifelten Weg des Geo-Engineerings. Sie versprüht Schwefel-Partikel in der Atmosphäre , um, ähnlich wie etwa beim Ausbruch des philippinischen Vulkans Pinatubo im Jahre 1991, die Wolkenbildung künstlich zu verstärken und so die Sonneneinstrahlung zu dämpfen und die Erde abzukühlen. Solches „Geo-Engineering“ aber hat anderswo auf der Erde negative Nebenwirkungen, weshalb andere Staaten gegen Indiens Alleingang protestieren. Das Zukunftsministerium muss sich mit derartigen internationalen Konflikten auseinandersetzen, aber auch mit globalen Finanzierungsmechanismen für Klimaschutzmaßnahmen und interkulturellen Streitfragen, die sich aus dem Ziel ergeben, den weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren.

Im philosophischen Zentrum der Haupt-Erzählung stehen Fragen von Gerechtigkeit und der Notwendigkeit von Gewaltanwendung, um Gutes zu erreichen. Welche Mittel sind legitim, um den Planeten zu retten? So entstehen in Robinsons Buch mehrere internationale grüne Terrororganisationen. Den „Children of Kali“ zum Beispiel gelingt es, den Flugverkehr auf der Welt durch einen einzigen Terrorakt komplett lahmzulegen. Simultan sprengen sie  vierzig Flugzeuge in der Luft – mit dem Effekt, das am Tag darauf niemand mehr in ein Flugzeug steigen will. Ähnlich verfahren ähnliche Terrororganisationen mit dem Container-Schiffsverkehr und anderen globalen Handelsverbindungen. Sie werden von heute auf morgen ausgeknipst, die globale Ökonomie kollabiert.

Der Roman endet positiv, der Menschheit gelingt die Klima-Wende

Mary, die Leiterin des Zukunftsministeriums, verzweifelt ob ihrer Hilflosigkeit und sagt irgendwann zu ihrem Stabschef Badim, einem Inder, das Ministerium bräuchte eigentlich einen Geheimdienst für die dreckigen Anteile an der Arbeit. Badim antwortet, er habe einen solchen Geheimdienst längst gegründet, ohne sie zu informieren. Offen bleibt, was diese Truppe getan hat, um den Planeten zu retten…

In einem der Höhepunkte des Romans beschreibt der Autor das Hin- und Herschwanken zwischen der Philosophie der Gewaltlosigkeit von Ghandi und dem Einsatz von Mitteln, die für nötig gehalten werden im Kampf gegen die strukturelle Gewalt von politischen Systemen, wie sie der Friedensforscher Johan Galtung beschrieben hat. Badim fliegt eines Tages zurück in seine indische Heimatstadt und trifft sich dort mit den „Children of Kali“. Im Kapitel 78 lesen wir eine berührende interkulturelle Auseinandersetzung über Gewalt und Gewaltlosigkeit, als Badim versucht, die Kinder von Kali davon zu überzeugen, dass ihr Kampf nun eine andere Form annehmen muss, denn Kali sei die indische Göttin des Todes und der Zerstörung, aber auch die Göttin der Erneuerung.  

„… and I’m, telling you, it’s time to change. The big criminals are dead or in jail, or in hiding and rendered powerless. So now if you keep killing, it’s just to kill. Even Kali didn’t kill just to kill, and certainly no human should. Children of Kali should listen to their mother.“
„We listen to her, but not to you.“
He said, „I am Kali“.
Suddenly he felt the enormous weight of that, the truth of it. They stared at him and saw it crushing him. The War for the Earth had lasted years, his hands were bloody to the elbow. For a moment he couldn’t speak; and there was nothing more to say.

Der Roman endet positiv. Der Menschheit gelingt es nach vielen Umwegen und Irrwegen, den Ausstoß an Treibhausgasen zu senken und die Folgen des Klimawandels zu mildern. Mary trifft sich am Schluss mit ihrem Freund Arthur auf einem Musikfestival und unterhält sich mit ihm:

We will keep going, she said to him in her head – to everyone she knew or had ever known, all those people so tangled inside her, living or dead, we will keep going, we will keep going, because there is no such thing as fate. Because we never really come to the end.

Der Roman The Ministry for the Future von Kim Stanley Robinson ist eine hoffnungsvolle Allegorie darauf, was die Menschen bewirken können, wenn sie ihre Zukunft selbst gestalten. Es gibt nicht so etwas wie „Schicksal“, das ist die zentrale Botschaft des Romans, sondern nur unser gemeinsames Bemühen um eine gute Zukunft.

Kim Stanley Robinson: The Ministry for the Future. Orbit/Hachette Book Group, New York 2020. 576 Seiten, $14,99

Die Rezension erschien erstmalig am 15.10.2020 auf www.klimafakten.de.

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