Klimapolitik und Wissenschaft

Vom Fortschritt zum Rückschritt – Der Rebound-Effekt

(Foto: PhotoProCorp/shutterstock.com)

Denke ich an Rebounds, kommt mir sofort das Gemenge von Basketballmannschaften unter dem Basketballkorb in den Sinn. Mit dem Klimawandel und unserem Konsumverhalten habe ich diesen Begriff bislang nicht in Verbindung gebracht, obwohl er auf ein Paradox hinweist, welches beim Klimaschutz, also der effektiven Reduktion unseres CO2– Ausstoßes, eine wesentliche Rolle spielt. Der Rebound-Effekt beschreibt die gestiegene Nachfrage infolge einer Effektivitätssteigerung. Genauer gesagt bildet dieser Effekt den Anteil des Einsparpotentials einer technologischen Neuheit, der durch die gestiegene Nachfrage oder Nutzung wieder reduziert wird, ab.

Entdeckung des Effekts

Die Erfindung der Dampfmaschine machte die Nutzung von Kohle effizienter. (Foto:
Arcansel/shutterstock.com)

Die Entdeckung dieses Mechanismus geht passender Weise in eine Zeit zurück, in welcher unser heutiges Problem seinen Anfang findet – die Erfindung der Dampfmaschine und die mit ihr einhergehende Industrielle Revolution. Eine Zeit, in der Fabriken wie Pilze aus dem Boden sprossen, immer mehr Eisenbahnlinien die Landschaft durchzogen und Waren und Personen bis in die letzten Winkel des Landes beförderten. William Stanley Jevons beobachtete seinerzeit, dass mit der Entwicklung einer effizienteren Dampfmaschine durch den Erfinder James Watt der allgemeine Kohleverbrauch nicht zurückging, sondern zunahm. Dies führte er auf die gestiegene Nutzung von Dampfmaschinen nach ihrem „Upgrade“ zurück. Die durch den höheren Wirkungsgrad erzielten Einsparungen des fossilen Rohstoffes verpufften im wahrsten Sinne des Wortes.

Und heute?

Das smarte Zuhause ist ein zeitgemäßes Beispiel für den Rebound-Effekt. (Foto: mast3r/adobe.stock.com)

Nun könnte man zu Recht argumentieren, dass die Dampfmaschine nicht mehr in unsere Zeit fällt und fragen, was ich mit diesem Exkurs in die Geschichte bezwecken wollte. Die Dampfmaschine mag ein Relikt der vergangenen Epoche sein, der Rebound-Effekt ist es nicht. Ganz im Gegenteil. Die Dampfmaschinen unserer Zeit sind wärmegedämmte Häuser ausgestattet mit Energiesparlampen, auf Hochleistung getrimmte Autos oder Infrastruktur wie sechsspurig ausgebaute Autobahnen. Doch der Reihe nach.

Finanzielle, materielle und psychologische Dimension des Effekts

Der Rebound-Effekt variiert in seiner Erscheinungsform und lässt sich systematisch wie folgt darstellen. Auf der finanziellen Dimension beschreibt der Effekt unsere Tendenz dazu, an der Tankstelle gespartes Geld durch weitere Strecken und häufigere Fahrten auszugleichen oder sich ein moderneres und somit zumeist schwereres Auto zuzulegen. Das gesparte Geld muss aber nicht zwangsweise für das gleiche Konsumgut ausgegeben werden, sondern kann auch für eine spontane Urlaubsreise oder einen Shopping-Trip indirekt Verwendung finden. Auch für Unternehmen bietet sich durch die effizientere Produktion eines Gutes die Möglichkeit, diese auszubauen und somit mehr und kostengünstigere Produkte zu schaffen. Darüber hinaus könnte mit den gesparten Ressourcen die Produktpalette des Unternehmens erweitert werden. Beide Varianten ziehen einen steigenden Konsum nach sich.

Der materielle Rebound-Effekt stellt die Problematik bei der Produktion von vermeintlich umweltfreundlicheren Konsumgütern dar. Elektroautos sind im Gebrauch zumeist wesentlich effektiver und ressourcenschonender als ihre Verbrenner-Pendants. Bei der Produktion dieser wird allerdings wesentlich mehr CO2 ausgestoßen, was den positiven Effekt bezüglich des Verbrauchs erheblich schmälert.

Ferner kann der Effekt auf einer psychologischen Dimension verortet werden. Es ist nachgewiesen, dass uns als umweltfreundlich gebrandete Konsumgüter oder Dienstleistungen dazu verleiten, diese noch häufiger zu konsumieren. Auch auf der psychologischen Ebene wirkt der Effekt direkt und indirekt, so dass beispielsweise durch eine vegane Lebensweise die nächsten Flugreisen gerechtfertigt werden.

Reale Auswirkungen

Die Existenz des Effekts ist unbestritten, uneins sind sich die Forschung aber darüber wie stark sich das Paradoxon auswirkt. Der Wirkungsgrad hängt vor allem mit der Art des Konsumgutes ab und variiert entsprechend, denn andere Faktoren wie Zeit spielen eine limitierende Rolle. So können wir Reisen und Wochenendausflüge erheblich weniger beliebig steigern als unseren alltäglichen Stromverbrauch. Wie der Effekt wirkt, zeigt ein Blick auf die Konsumstatistiken der letzten Jahre. So meldet beispielswese das Kraftfahrtbundesamt immer größere und schwere angemeldete Autos und eine gestiegene Fahrleistung des motorisierten Verkehrs. Trotz immer effizienterer Fortbewegungsmittel bleibt der CO2-Ausstoß im Verkehrssektor, dem drittgrößten Treibhausgasverursacher, sehr konstant.

Ausblick

Ein vielbefahrenes Autobahnkreuz – vielleicht bald ein Anblick der Vergangenheit?. (Foto:
Aerial-motion/shutterstock.com)

Welche Schlüsse lassen sich nun aus dem beschriebenen Effekt ziehen? Zum einen setzt der Effekt mit seinen Auswirkungen ein größeres Fragezeichen hinter die Idee vom „Grünen Wachstum“, welche im Wesentlichen auf der Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wachstum durch technologischen Fortschritt fußt. Zum anderen zeigt er, dass Verbraucher, Hersteller und Gesetzgeber sich aktiver mit diesem Phänomen auseinandersetzen und die Chance nutzen sollten, den Mechanismus in seiner Wirkweise für den Klimaschutz umzupolen: Für eine Verkehrswende würde das beispielsweise bedeuten, den ÖPNV und Bahnverkehr durch günstigere Tickets, enge Takt- und kurze Reisezeiten effektiver, verlässlicher und damit deutlich bequemer zu machen und zugleich vermeintliche Effizienzmaßnahmen wie den Ausbau der Straßennetze zurückzufahren. Die Verkehrswende könnte dann, wie der Rebound-Effekt auch, relativ unbeachtet voranschreiten. Um beim Basketballjargon zu bleiben, ein „Dunking“ für den Klimaschutz!

Vom Fortschritt zum Rückschritt – Der Rebound-Effekt
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