Wetterextreme

Von verpennten Siebenschläfern und abendroten Wetterboten

Ende Juni haben viele besonders aufmerksam aus dem Fenster geschaut, denn am 27. Juni ist Siebenschläfertag und es heißt:

Scheint am Siebenschläfer Sonne, gibt es sieben Wochen Wonne.
Wenn’s am Siebenschläfer gießt, sieben Wochen Regen fließt.

Oder zusammengefasst:

Das Wetter am Siebenschläfertag noch sieben Wochen bleiben mag.

Aber so schön diese Reime auch sind, was ist dran an solchen Bauernregeln?

Regeln mit vielen Ausnahmen

Wer den 27. Juni verschlafen hat und sich jetzt nicht mehr so genau an das Wetter vom vorletzten Sonntag erinnern kann, bekommt eine neue Chance – dank einer Kalenderreform im 16. Jahrhundert. Das Bezugsdatum hat sich dadurch um etwa zehn Tage im Jahresverlauf verschoben (im Gegensatz zum Wetter, das sich an keinen Kalender hält). So ist der „eigentliche“ Siebenschläfertag erst jetzt, am 8. Juli. Wer den Wahrheitsgehalt von Bauernregeln testen will, sollte sich sowieso nicht auf einzelne Tage versteifen, sondern lieber einen längeren Zeitraum rund um den Stichtag miteinbeziehen.

Die Siebenschläfer-Regel  gehört zu den sogenannten Wetter-Singularitäten oder Witterungsregelfällen. Das sind Wetterlagen, die zu bestimmten Zeiten im Jahr mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auftreten. Dazu zählen zum Beispiel auch die Eisheiligen im Mai, die Schafskälte im Juni oder das Weihnachtstauwetter. Aber „erhöhte Wahrscheinlichkeit“ heißt eben nicht „immer“, bestes Beispiel: die diesjährige Schafskälte. Diese kühlere Phase dauert offiziell vom 4. bis zum 20. Juni. In diesem Jahr fiel sie allerdings mit der ersten sommerlichen Hitzewelle zusammen und auf dem Deich vorm Klimahaus mussten weder frisch geschorene Schafe noch Touris frieren…

Ein wahrer Kern

Trotzdem sind diese überlieferten Weisheiten nicht völlig aus der Luft gegriffen. Die meteorologische Erklärung für mögliche Kälteeinbrüche im Juni sind die großen Temperaturunterschiede zwischen Kontinent und Ozean: Über dem aufgeheizten Festland steigt die Luft auf – die Luft, die durch den Sog am Boden nachfließt, kommt aus Nordwesten vom noch sehr viel kühleren Meer. Wegen den Parallelen zu großen Strömungsmustern in Indien oder Westafrika wird dieses Phänomen auch „europäischer Sommermonsun“ genannt und wird in vielen Jahren tatsächlich beobachtet.

Der Siebenschläfertag hat übrigens nichts mit diesen niedlichen Tieren zu tun, sondern bezieht sich auf eine Heiligengeschichte.

Einen meteorologisch-wahren Kern hat auch der Siebenschläfertag: Mit Beginn des Sommers haben sich die regionalen Temperaturkontraste meist schon soweit abgeschwächt, dass sich eine stabilere Großwetterlage einpendeln kann. Laut Deutschem Wetterdienst dauert die Wetterlage Ende Juni/Anfang Juli mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 bis 70 Prozent über mehrere Wochen an (dabei ist die Trefferquote im Süden höher als in Norddeutschland). Auch die derzeitige Wetterlage mit ihrem Wechsel aus Sonne, Wolken, Schauern und Gewittern wird uns wohl noch eine Weile erhalten bleiben.

Mittelalterliche Wetter-App

Zu der Zeit, in der die Bauernregeln erfunden wurden, gab es noch keine systematischen Wetteraufzeichnungen, geschweige denn eine detaillierte Vorhersage. Ohne Messnetz und Modelle musste man sich in der Landwirtschaft durch aufmerksame Naturbeobachtung behelfen. Für die Kurzfrist-Vorhersage klappt das auch häufig ganz gut, Beispiel „Abendrot – Schönwetterbot“: Wenn am Abend von Westen her noch keine dicken Regenwolken heranziehen, lässt das in vielen Fällen auf einen trockenen Folgetag schließen.

Auch aus dem Verhalten von Tieren lassen sich Prognosen ableiten: Ein bekanntes Beispiel sind die Schwalben, die ihrer Leibspeise, den Insekten, in höhere Luftschichten folgen, wenn sie während einer stabilen Hochdrucklage von warmer, aufsteigender Luft dorthin getragen werden. Fallender Luftdruck, der einen Wetterwechsel ankündigt, lässt ihre Nahrungsquelle dagegen in Bodennähe sinken, in der Folge beobachtet man tieffliegende Schwalben. Die Tiere können also nicht das Wetter vorhersagen, aber sie reagieren auf atmosphärische Schwankungen, bevor diese auch für uns Menschen sichtbar und spürbar werden.

Was die längerfristige Wettervorhersage betrifft, so hat sich seit dem Mittelalter einiges getan, was die präzise Messtechnik sowie die flächendeckende Aufzeichnung und Modellierung von Wetterdaten angeht. Zwar ist die Prognose der Wetter-App oft nicht perfekt, aber meistens doch zuverlässiger ist als der Blick in den Himmel oder in den Bauernregel-Kalender.

Bildquelle: Pixabay

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