Wetterextreme

Wer hat an der Jahresuhr gedreht?

adege | pixabay.com

Am 1. März ist meteorologischer Frühlingsanfang. Doch das Wetter hält sich an keinen Kalender. So wurde es schon in der zweiten Februarhälfte extrem warm in Deutschland, und mit sechs aufeinanderfolgenden Wintertagen mit Temperaturen über 20 Grad wurde sogar ein neuer Wärme-Rekord aufgestellt. Ganz viel Vitamin D, draußen in der Sonne entspannen und die dicken Jacken zu Hause lassen – das kam uns gerade im Corona-Lockdown sehr gelegen. Doch so schön die verfrühten Frühlingstage auch waren, sie haben leider nicht nur angenehme Folgen.

Januar, Februar, März, April – die phänologische Uhr steht niemals still…

Seit einer geraumen Zeit verändert der Klimawandel die Länge der Jahreszeiten. Wie das gemessen wird? Mit der sogenannten „phänologischen Uhr“, das heißt über den Blühbeginn bestimmter Pflanzenarten. Wenn die erste Haselblüte beobachtet wird, startet der sogenannte Vorfrühling. Im Durchschnitt der letzten dreißig Jahre war es Mitte Februar so weit (dieses Jahr am 12. Februar). Wenn man das mit der Referenzperiode 1961 bis 1990 vergleicht, wird die Veränderung deutlich: Früher startete der phänologische Frühling über Deutschland im Mittel erst am 3. März. Das ist eine Verschiebung von über zwei Wochen!  Der Winter hat sich dementsprechend verkürzt.
Manche würden sagen: „Cool. Weniger kalt, dafür früher und länger warm!“ Aber eine Verschiebung der Jahreszeiten betrifft nicht nur unser persönliches Wohlbefinden, sondern besonders auch die Flora und Fauna, also die Tier- und Pflanzenwelt.

Die biologische Uhr aus dem Takt

Die Tiere in unseren Breiten haben ihren Lebensrhythmus an den Wechsel der Jahreszeiten angepasst. Sie können sich jedoch nicht einfach einen Wecker stellen, der ihnen sagt, wann der richtige Zeitpunkt ist, um die Winterruhe zu beenden und mit dem Brüten, Schlüpfen, Nahrungsammeln und Frühjahrsputz zu beginnen. Daher haben sie eine perfekt abgestimmte innere Uhr. Diese sagt ihnen, wann es Zeit ist, aktiv zu werden, da es wieder genug Fressen und Arbeit gibt.
Am Beispiel der Biene: Sie schlüpft und schwärmt parallel zu den aufblühenden Pflanzen aus, damit sie sich dort ausreichend Pollen und Nektar beschaffen kann. Dadurch bekommt die Biene Nahrung und die Blüte wird bestäubt. Wenn jedoch durch einen verfrühten Frühlingsbeginn die innere Uhr der Insekten und die phänologische Pflanzenuhr nicht mehr im Gleichtakt laufen, wird diese Symbiose gestört. Biene und Blüte „verpassen“ sich gegenseitig, die Pollen der Pflanzen werden von der Biene nicht weitergetragen und die Biene bekommt zu wenig Nahrung, wodurch sie entweder stirbt oder viel weniger Nachkommen produziert.

Niesen & Gießen

Apropos Polle: Dafür haben nicht nur die Bienen einen Riecher, sondern auch viele Menschen – beziehungsweise eine verstopfte Nase. Je früher der Frühling beginnt, desto früher melden sich auch Heuschnupfen und Co. zurück. Eine verlängerte Vegetationsphase ist deshalb für viele Allergiker keine so tolle Aussicht.
Neben ihren Bestäubern brauchen Pflanzen auch Wasser, das sie über ihre Wurzeln aus dem Boden ziehen. Wenn der Frühling deutlich früher im Jahr beginnt, zapfen die Pflanzen auch schon früher ihre unterirdischen Wasserspeicher an. Dadurch steigt zum Sommer hin das Risiko von Wassermangel und Dürre. Auch Hitzewellen wirken sich über ausgetrockneten Böden extremer aus, da der Kühlungseffekt des verdunstenden Wassers fehlt.

Immer wieder kommt ein neuer Märzwinter

Extreme Wärme im Februar bedeutet nicht immer unbedingt, dass der Winter damit komplett vorbei ist. Schließlich ist die Luft über den nordpolaren Breiten wegen der sehr schwachen Sonneneinstrahlung um diese Jahreszeit noch immer sehr kalt (die Polarnacht dort endet erst mit dem astronomischen Frühlingsanfang rund um den 20. März). Diese eisige Polarluft kann uns bis weit in den März hinein einen Kälterückfall bescheren, einen Anflug davon bekommen wir gerade in diesen Tagen zu spüren. Wenn es dann vorher schon sehr warm war und die Natur bereits voll „hochgefahren“ wurde, ist so ein „Märzwinter“ mit Minustemperaturen problematisch und führt zum Beispiel zu Frostschäden in der Landwirtschaft.

Ob astronomisch, meteorologisch, phänologisch oder biologisch: In der Natur gibt es viele verschiedene Zeitrechnungen, die ineinandergreifen wie Zahnräder. Doch zu schnelle Klimaveränderungen bringen das gesamte Uhrwerk aus dem Takt, wenn Tiere und Pflanzen sich nicht schnell genug anpassen können. Das hat am Ende auch Konsequenzen für uns Menschen.

Beitrag von Annika Brieber und Fabienne Rüsch

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