Wetterextreme

Winterliche Wärmeeinbrüche

Wer in den letzten Wochen seinen Lockdown-Winterschlaf unterbrochen hat, konnte vor der Haustür in vielen Teilen Deutschlands sein weißes Wunder erleben. „Endlich mal wieder ein richtiger Winter!“, freuten sich die einen. „Was für ein Sch…neechaos“, fluchten die anderen. Im eingeschneiten Norddeutschland buddelte man Katastrophen-Anekdoten aus dem Winter 1978/79 wieder aus, währenddessen saß man im Alpenvorland bei frühlingshaften Temperaturen im Balkon-Biergarten unter einem vor Saharastaub orangeglühenden Himmel. Was genau war in diesem Winter in unserer Atmosphäre eigentlich alles los?

Stratosphärische Hitzewelle

Alles begann mit einem grauen Dezember, wettertechnisch eher unauffällig, in klimatologischer Hinsicht überdurchschnittlich warm, aber das Tauwetter war in der Corona-Vorweihnachtszeit ein eher untergeordnetes Thema… Zum Jahreswechsel blieb es in den bodennahen Atmosphärenschichten erstaunlich ruhig und böllerfrei, dafür ging hoch über dem Nordpol die Post ab: Normalerweise tut sich in der arktischen Stratosphäre nicht viel, es ist dort einfach nur sehr kalt mit Temperaturen zwischen 70 und 80 Grad unter Null. Diese Eiseskälte wird vom sogenannten Polarwirbel über der Arktis eingeschlossen. Doch Ende Dezember schnellte die Temperatur im Zentrum des Wirbels schlagartig in die Höhe, die Stratosphäre erwärmte sich plötzlich auf lauschige minus 20 Grad. Ein solches Ereignis wird „Plötzliche Stratosphärenerwärmung“ genannt (kreative Namensfindung gehört eindeutig nicht zu den meteorologischen Kernkompetenzen) und kommt im Mittel nur in jedem zweiten Winter einmal vor. Auch wenn die ungewohnte Hitze nur sehr kurz anhielt, bekam sie dem Polarwirbel nicht gut: Er begann zu schwächeln.

Kampf der Luftmassen

Aber was genau hat eine Wärmewelle in dreißig Kilometern Höhe über der Arktis mit unserem Winterwetter zu tun? Erstmal nicht viel: So begann das neue Jahr 2021 mit einem relativ durchschnittlichen Januar, Tiefdruckgebiete brachten Schnee in die Höhenlagen und Sturm an die Küsten. Erst im Februar erreichte der stratosphärische Gruß auch die wetterbestimmende Troposphäre: Ein ins Schlingern geratener Polarwirbel kann die Kälte nämlich nicht mehr so gut über dem Nordpol festhalten, demensprechend ergoss sich ein Schwall kalter Polarluft über die nördliche Hälfte Deutschlands. Gleichzeitig wurde von Süden her extrem warme Luft herangeweht. Diese Warmluft hatte zum einen den schon erwähnten Saharasand im Gepäck, zum anderen brachte sie von ihrem Weg übers Meer etwas mit, was der trockenen Polarluft fehlte: Wasserdampf. Dort, wo diese beiden gegensätzlichen Luftmassen aufeinanderprallten, fiel in der Folge massig viel Schnee.

Warme Nase & glatte Straße

Seit Mitte Februar ist es wieder vorbei mit der Wetter-Zweiteilung über Deutschland. Milde und feuchte Luft hat sich wie ein Keil von Westen her in die kalte Polarluft geschoben, im Übergangsbereich wurde es für den Warnwetterdienst und den Verkehrssektor noch einmal spannend: Schnee, der durch die „Warmluft-Nase“ fiel, schmolz zu Regentropfen, die sich in der bodennahen Kaltluft auf unter null Grad abkühlten. Traf dieses unterkühlte Wasser auf gefrorenen Boden, wurde es schlagartig zu Eis. Doch der warme westliche Luftstrom reißt nicht ab, sodass die Glatteis-Gefahr immer weiter sinkt – zum Wochenende sind sogar schon zweistellige Temperaturwerte mit viel Sonnenschein angesagt. Ob der Winter damit schon endgültig vorbei ist, lässt sich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht absehen.

Erst die Wärme macht den Winter

Ein trudelnder Polarwirbel, Schneemassen und Glatteis: Bei einem richtig knackigen Wintereinbruch ist also immer auch viel warme Luft im Spiel. Insofern könnte der Klimawandel so manches Winterwetterphänomen sogar verstärken. Ob der extreme Erwärmungstrend in der Arktis auch den stratosphärischen Polarwirbel beeinflusst, ist zwar noch nicht eindeutig geklärt. Aber allgemein gilt: In einem wärmeren Klima halten (Un-)Wetterlagen länger an und je milder die Luft, desto mehr Wasserdampf kann sie aufnehmen. Schon jetzt lässt sich für Deutschland ein leichter Anstieg der winterlichen Niederschläge verzeichnen. Diese fallen zwar aufgrund des Erwärmungstrends immer häufiger in Form von Regen, doch wenn es dann doch mal kalt genug ist, kann das auch zu mehr Schnee und Eisglätte führen. Wintereinbrüche wie in diesem Jahr sind deshalb auch in einer wärmeren Welt nicht ausgeschlossen.

Winterliche Wärmeeinbrüche
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